Künstler ist ein In-Beruf, verlockend wie Popstar. Er verspricht ein Leben in totaler individueller Freiheit, mit Atelieraufenthalten in den Metropolen der Welt, Ruhm und Reichtum. Potente Sammler gibt es viele. Ihre Anlagestrategie ist einfach: Erfolgreiche Künstler werden durch Auktionsrekorde noch erfolgreicher gemacht. Kunst ist eine Industrie geworden. Jedes Jahr strömen Tausende neue Künstler mit hoher Bereitschaft zur Selbstausbeutung von den Hochschulen an die imaginären Fliessbänder der Hoffnung.
In Christian Saehrendts Roman, «Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger», geht es um einen 47-jährigen Künstler. Das Zeitfenster zum Erfolg hat sich für ihn längst geschlossen. Jetzt lebt er wieder in seinem Kinderzimmer im reichen Landkreis Böblingen. Er fährt Taxi. Unter Pseudonym führt er Auftragsarbeiten in Restaurants und anderen Etablissements aus. Ausserdem ist er als Assistent bei einem jüngeren Künstlerkollegen angestellt, der vor dem internationalen Durchbruch steht und mit ihm in der Schweiz Mäzene abklappert. So stottert Läpplinger seinen Lebensunterhalt zusammen.
Ein ungeschönter Blick
Der sehr realistisch gezeichnete gescheiterte Künstler notiert in seinem Tagebuch die Widrigkeiten des Alltags minutiös. Dabei entwirft Saehrendt das Bild eines durchschnittlichen Menschen, der einfach einen kreativen Beruf gewählt hat. Von einer besonderen Künstleraura ist nichts zu spüren, dafür viel vom Existenzkampf. Wäre der nicht lustig formuliert, es wär zum Heulen. Läpplinger, einst ein unbeugsamer Performancekünstler, hat Verschiedenes ausprobiert. Jetzt wettet er mit einer spektakulären Aktion auf ein grosses Comeback.
Saehrendt weiss, wovon er in seinem anspielungsreichen Roman schreibt. Der promovierte Kunsthistoriker und erfolgreiche Sachbuchautor kennt den Betrieb wie seine Hosentasche. Zudem war er früher selbst Künstler. So blickt er mit einer Mischung aus trockenem Spott, Mitleid und Bewunderung auf sein ehemaliges Berufsfeld. Aber bitter, wie man vermuten könnte, ist er nicht.
Zufall ist wichtiger als das Werk
«Ich hatte mir mit ein paar Freunden eine Deadline gesetzt», erklärt er im Gespräch. «Bis Anfang dreissig wollten wir mit unserer Kunst eine tragfähige Basis erreicht haben.» Die Freunde waren realistisch genug, um zu wissen, dass Erfolg in der Kunst zu oft nur vom Zufall abhängig ist. Trotz ermutigender Signale beendeten sie deshalb ihre Kunstkarrieren – nicht ohne Schmerzen. «Man ist ein bisschen wie ein Spielsüchtiger. Aber man muss wissen, wann Schluss ist. Man darf nicht süchtig werden nach der Hoffnung.»
Er würde allen Studienabgängern sein Konzept des «Künstlers auf Probe» empfehlen, sagt Saehrendt, der seinen Roman auch als Warnung versteht. «Wichtige Kunstpositionen entstehen in Folge von Netzwerken.» Qualität spiele nur eine untergeordnete Rolle: «Es gibt keine offen einsehbaren Kriterien mehr. Jeder Gegenstand kann Kunst sein, wenn ihn nur die richtigen Leute anfassen.» Das mache Kunst beliebig und für das Publikum frustrierend. Saehrendt spricht denn auch von einer Krise unseres Kunstbegriffes.
Diese Kritik hat er schon in Artikeln und Vorträgen angebracht. Doch das Thema sei «zu vielschichtig, zu emotional und zu tragisch, um es nur in Sachtexten widerzuspiegeln», meint der Romanautor. Und so bleibt Ronny Läpplinger nur der Kampf gegen den Abstieg in die Liga der Blumenaquarelle und die Sucht nach Hoffnung auf den späten Durchbruch.





