Michaela Wendt ist ausgebildete Schauspielerin und weiss, wie man Texte vorträgt. Als Vorleserin und Moderatorin gibt sie literarische Führungen im Zentrum Paul Klee und dem Kunstmuseum Bern, arbeitet als Sprecherin oder – es liegt auf der Hand – liest aus Büchern vor. Wie im Februar vor einem Jahr. Damals las sie zusammen mit der Schauspielerin Lilian Naef den Roman «Zweier ohne» im Laden des Schlachthaus Theaters. Mohéna Kühni, Kuratorin des Theaterladens und Künstlerin, ergänzte die mehrteilige Lesung mit Zeichnungen am Projektor.
«Zuhören und Zuschauen»
Das Projekt fand Zuspruch und wird nun wiederholt. In vier Teilen liest Wendt den amerikanischen Grossstadtroman «Cosmopolis» von Don DeLillo, während Kühni die Geschichte auch diesmal live illustriert. Was an den jeweiligen Lesungen geschieht, bleibt für Akteure wie Publikum eine Überraschung, denn einstudiert ist nichts und Proben gibt es keine. «Die Veranstaltung hat etwas Spontanes, wir lassen uns vom Moment inspirieren und von der jeweiligen Situation», verrät Wendt. Die beiden bereiten sich zwar vor, aber «das Projekt ist als Einladung gedacht zum Zuhören und Zuschauen, ohne grosses Konzept». Eine Lesung dauert 75 Minuten, und wer nicht an jedem Montag dabei sein kann, bekommt jeweils eine Zusammenfassung über das bisher Geschehene.
Eine brisante Geschichte
Der Roman von DeLillo passt inhaltlich zum aktuellen Motto, «Metropolen und Städte», des Schlachthaus Theaters, und er lässt sich ohne wesentliche Kürzungen in vier Teilen vortragen. Aber er handelt auch von Dingen, die dem Publikum nur allzu vertraut sein dürften: dem Zusammenbruch der Finanzbörse und einem unkontrollierbar gewordenen Weltmarkt.
Eric Packer, die Hauptfigur des Romans, ist ein junger Vermögensverwalter und erfolgreicher Währungsspekulant, der sich in der digitalen Welt der virtuellen Gewinne sicherer bewegt als im realen Leben. In seiner Luxuslimousine fährt er auf der Suche nach einem Frisör einen Tag lang durch New York. Zeit genug, um den Kurs ein- und Packers Welt zusammenbrechen zu lassen. Geistreich und hellsichtig beschreibt DeLillo eine Metropole inmitten einer grossen zerplatzenden Börsenblase und einen Mann, der mit seiner Spekulation die Weltwirtschaft ins Wanken bringt.
Eine Geschichte zu hören über einen unmoralischen Börsenspekulanten, der jeglichen Realitätsbezug verloren hat, kommt der Wirklichkeit erschreckend nah. Einer Lesung mit Illustrationen beizuwohnen, führt einen trotzdem in andere Welten.





