Das klingt nach Dixieland-Jazz: Steamboat Switzerland. Doch die Assoziation könnte falscher nicht sein. Hinter dem Namen, der von einer Adolf-Wölfli-Geschichte stammt, steckt eine der radikalsten, herausragendsten Bands der Schweiz. Auch wenn der Begriff Avantgarde längst überstrapaziert ist, hier passt er wie kein anderer, hier spielt die Zukunftsmusik.
Man soll vorsichtig sein mit Spekulationen über die Zukunft. Trotzdem: Zumindest ein Aspekt des Steamboat-Sounds hat das Zeug zum Mainstream: «Wir haben die Band 1995 gegründet, weil wir Neue Musik mit der Kraft und der Körperlichkeit von Rock’n’Roll machen wollten», sagt Pianist und Organist Dominik Blum. Tatsächlich schaffen es Blum, Schlagzeuger Lucas Niggli und Bassist Marino Pliakas mit stupender Leichtigkeit, die intellektuellen Leistungen von Klassik, Jazz und Neuer Musik mit einem Groove zu verbinden, den man nur aus der Rockmusik kennt.
Geistige Freiheit
«Das hermetisch Klassische hat für mich nie existiert», erklärt Blum im Gespräch. Er, der sich im Moment der Musik der Spätromantik widmet, ist mit den Beatles und Aretha Franklin aufgewachsen. Das Klavierspiel brachte er sich als kleiner Junge selbst bei. Profimusiker konnten ihn mit zwölf überreden, Stunden zu nehmen. Von da weg setzte er sich intensiv mit Klassik auseinander. In den Neunzigern machte ihm unter anderem der Noise-Metal der Melvins die Rockmusik wieder interessant.
Diese geistige Freiheit gegenüber den Stilen und Epochen findet man auch im aktuellen Projekt von Steamboat Switzerland. Benannt ist es nach den «Sederunt Principes» von Pérotin, der um 1200 Magister in der Kathedrale von Notre-Dame war. In die Musikgeschichte eingangen ist der Franzose, weil er als Erster überhaupt Musik mit drei bis vier voneinander unabhängigen Stimmen schrieb. «Die ‹Principes› sind eines meiner absoluten Lieblingsstücke», schwärmt Blum. Er habe schon lange von einer Steamboat-Fassung geträumt.
Ununterbrochene Veränderung
Die «Principes» hat Marc Kilchenmann nun für das Trio und acht Bläser adaptiert. Der Komponist ergänzt die Aufführung zudem mit Werken des verkannten Schweizer Avantgardisten Hermann Meier und seiner eigenen Komposition «Egregoros».
«Mein Stück ist Teil eines längeren Zyklus», erklärt Kilchenmann, «in dem ich mich musikalisch mit den vorsokratischen Philosophen beschäftige.» In «Egregoros» bezieht er sich auf Heraklit: «Sein Denken hat mich frappiert, besonders seine Aussage, dass sich alles im Wandel befindet, aber auch immer alles gleich bleibt.» Daraus habe er eine Art künstlerischen «Energieerhaltungs-Satz» abgeleitet, sagt er und lacht.
Die Struktur von «Egregoros» beruht nun auf Sinuskurven. Tonal repetitiv gestaltet, befindet sich die Musik im selten durchbrochenen Fluss, ändert unablässig Lautstärke und Tempo. «Das kann nur gespielt werden, weil Philipp Kocher von der Zürcher Hochschule der Künste eine Software entwickelt hat, die jedem Musiker den dauernd an- und abschwellenden Takt vorgibt», erklärt Kilchenmann. Klingt verkopft? Bei Steamboat Switzerland wird es grooven.





