1977 tobte in England der Punk und brachte mit seinem Radau Bürger, Königshaus und Politik gegen sich auf. «An einem lauschigen Fest an der Aare unten» entdeckte Lorenz Mühlemann gleichzeitig die Faszination seines Lebens: «Die Zither ist nicht extrovertiert wie zum Beispiel eine Trompete. Sie liegt auf dem Tisch, ist dem Spielenden zugewandt und erfreut ihn mit ihrem feinen, berührenden Klang», schwärmt er.
Für den damals angehenden Primarlehrer war es Liebe auf den ersten Ton. Dabei galt das Instrument als «verstaubtes, absolut langweiliges Grossmutter-Brockenhaus-Vehikel». Doch je mehr Mühlemann über die Zither erfuhr, desto grösser wurden sein Interesse und sein Engagement, bis er 1999 Beruf und Hobby nicht mehr unter einen Hut brachte. Trotz einer Familie, die es zu versorgen galt, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Seither nennt er sich mit einem Augenzwinkern «freischaffender Zitherer».
Ein Chamäleon
Es ist ein anspruchsvolles Jobprofil, das er sich geschaffen hat. In seinem Haus in Trachselwald führt er ein Museum, in dem er einen Teil seiner Sammlung präsentiert. Er unterrichtet, repariert Instrumente, führt ein umfangreiches Archiv, einen Notenverlag, schreibt Bücher, tritt mit verschiedenen Formationen auf und einiges mehr. Was treibt diesen Mann um?
Mühlemanns Faszination wird verständlicher, wenn man einen Blick auf seine Sammlung wirft. Die Emmenthaler Halszither (Hanottere) mit ihrer Mandolinenform ist nur eine Variante. Da gibt es geigenförmige, solche, die Aussehen wie ein Hackbrett, andere ähneln der Harfe, wieder andere sind Apparte, die man beim besten Willen nicht einordnen kann. «Die Zither ist das grösste Chamäleon im Instrumentendschungel», sagt Mühlemann.
Bewahren und weiterentwickeln
Und sie hat eine grosse Geschichte. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Instrument rund um den Globus verkauft. Firmen, die pro Jahr eine halbe Million Instrumente absetzten, waren keine Seltenheit. «Die Zither prägte das damalige Musikleben wie kein anderes Instrument», betont Mühlemann. Sie war beliebt im Hausgebrauch (auch weil sie nicht allzu laut ist). Das Aufkommen des Radios wurde ihr allerdings zum Verhängnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg wendete sich der Boom des Instruments jäh ins Gegenteil. Radio und später Fernsehen ersetzten die Hausmusik. Die Zithern wanderten auf Dachböden und in die Brockenhäuser.
Bei seinem Einsatz für sein Instrument geht es Mühlemann aber nicht nur ums Bewahren des Alten: «Das ist sicher wichtig, aber ich will unbedingt auch etwas Eigenes dazu tun.» Mit der Formation Hanottere, die eben zum Trio gewachsen ist, schlagen Mühlemann und seine Mitmusiker deshalb grosse Bögen von der klassischen Zither-Literatur über alpenländische Volksmusik und Keltisches bis hin zu eigenen Kompositionen. Dabei verwenden sie eine Vielzahl verschiedener Instrumente. Aber natürlich erzählt Mühlemann im Konzert auch von seiner Zither, denn «teilen und mitteilen ist etwas vom Schlausten, was wir tun können».





