Es knackt und knistert aus den Lautsprechern, fiepende Warntöne vermischen sich mit pulsierendem Donner-grollen. Elektronische Musik erschliesst sich für den unbedarften Hörer nicht immer auf Anhieb. Es braucht Entdeckerlust und Neugierde, bis man im scheinbar ungeordneten und bizarren Gewirr von Rauschen, Knacken und Klangfetzen plötzlich Strukturen und Ordnungen entdeckt, die sich wiederholen und langsam verändern.
Die populäre zeitgenössische Form der elektronischen Musik, der Techno, hat mit all dem auf den ersten Blick nicht viel zu tun. Dennoch gibt es ein wesentliches gemeinsames Merkmal, welches den Techno als den populären Erben der elektronischen Musik erkennen lässt: Die Technik des Loopens und der repetitiven Muster, die sich langsam gegeneinander verschieben und verändern, sind in beiden Genres zentrale ästhetische Elemente; neben der elektronischen Klangerzeugung, versteht sich.
Klangbildhauerei
Wenn man elektronische Musik heute vorwiegend mit Techno assoziiert und eher in den Clubs verortet, so ist damit höchstens die eine Hälfte der Geschichte erzählt. Die andere führt zurück ins Paris der späten 40er-Jahre: Dort scharte der damals beim französischen Rundfunk angestellte Ingenieur Pierre Schaeffer einige Avantgardemusiker im sogenannten Club d’Essai um sich. Gemeinsam tüftelten die Künstler und Ingenieure an einer neuen Art von Musik, die später Musique concrète genannt werden sollte.
Der sonderbare Name kommt daher, dass die Komponisten vom natürlichen –
«konkreten» – Geräusch ausgehen und durch dessen Verfremdung zur abstrakten Komposition gelangen. Oft wird diese Musik mit der Bildhauerei verglichen. Aus dem Rohmaterial, den aufgenommenen Geräuschen, entsteht durch Bearbeitung eine Klangskulptur, die im Konzert-raum «ausgestellt» wird. Als Werkzeug spielten Magnet-Tonbänder für die Aufnahme des Ausgangsmaterials und die aufkommenden analogen Synthesizer zur Klangmodulation eine wichtige Rolle.
Unzählige Knöpfe und Regler
Mit der dritten Ausgabe der langen Nacht der elektronischen Musik versucht die Dampfzentrale den Bogen zu schlagen zwischen Clubmusik und Avantgarde. Die Reihe lotet die Spannweite der elektronischen Musik aus, indem sie an deren Geschichte erinnert. Mit Brunhild Ferrari und Eliane Radigue stehen zwei Komponistinnen und Musikerinnen der ersten Stunde auf der Bühne. Beide sind gegen 80 Jahre alt und haben die gesamte Entwicklung der elektronischen Musik miterlebt. Erstere ist die Frau des Komponisten Luc Ferrari und hat gemeinsam mit ihm etliche wegweisende Stücke der Musique concrète geschaffen.
Das bevorzugte Instrument der 79-jährigen Eliane Radigue ist ein analoger ARP-2500-Synthesizer aus den 60er- Jahren. Das Gerät in der Grösse von zwei stattlichen Reisekoffern dient Radigue zur Klangerzeugung – streng nach Partitur, wie sie betont, auch wenn man sich kaum vorstellen kann, wie sich jemand in diesem Gewirr von unzähligen Knöpfen, Reglern und Lämpchen zurechtfindet.
Die weiteren Künstler, der Berliner Markus Popp alias Oval sowie das Bieler Duo strøm, könnten beinahe die Enkel der beiden Damen sein. Sie zeigen auf, wie sich die elektronische Musik heute weiterentwickelt. Insbesondere das Duo strøm schlägt dabei die Brücke von der konzeptuellen elektronischen Musik zum Club, indem es den Sound etwas beatlastiger gestaltet. So schlägt der Abend nicht nur eine Brücke zwischen den Generationen, er verbindet auch das kopf- mit dem beinorientierten Publikum.





