Es gibt Phänomene, die einen erst mal ratlos machen. Jimi Tenors Selbstinszenierung etwa. Frisur und Brille(n) des Finnen erinnern an Andy Warhol, die Mäntel, Capes und sonstigen Umhänge an psychedelische Funkstars aus den Siebzigern. Er trägt die funky Klamotten bloss wie Bademäntel. Deshalb wirkt Tenor eher wie ein verrückter Professor, der an den Knöpfchen seiner merkwürdig blubbernden Gerätschaften schraubt, denn wie ein Star.
Mit seinen musikalischen Kapriolen hat Tenor die Engstirnigen genauso vertrieben, wie er seine Plattenfirmen verzweifeln liess. Jedes Mal, wenn man geglaubt hatte, den «wahren» Tenor entdeckt zu haben, schlug Jimi einen Haken und machte etwas völlig anderes. Vom anfänglichen Avantgarde-Noise auf selbst gebauten Instrumenten (ein paar gingen kaputt, ein paar landeten im Museum) entwickelte sich Tenor weiter Richtung elektronischer Musik und Erfolg.
Ein Gelungener
Er landete den Mainstream-Techno-Hit «Take Me Baby» (1994), nur um im Anschluss die Plattenfirma zu schockieren. Dass er nebenbei so seltsame Easy-Listening-Musik machte, wäre noch angegangen, die war in den Neunzigern recht angesagt. Aber dass er seinem ebenso renommierten wie spezialisierten Warp-Label Aufnahmen mit einem polnischen Sinfonieorchester ablieferte, war des Guten zu viel. Warp warf Tenor raus.
Der machte unbeirrt weiter. Er schrieb Stücke für eine finnische Neue-Musik-Big-Band, coverte Klassiker der zeitgenössischen Musik und lebte seine Freude aus an mäandrierendem Acid-Jazz mit hohem Kitschfaktor, Querflöteneinsatz und Science-Fiction-Keyboard-Gefiepe. Der Tenor Jimi, hätte meine Tante gesagt, ist schon ein Gelungener.
Nur Rockmusik scheint ihm nicht zu liegen. Vielleicht liegt sie ihm zu nahe am finnischen Alltag. Heavy Metal ist ein offizielles Exportgut des Landes. Die Metal-Kinderband Hevisaurus stürmt die Hitparade. Die Monsterrocker Lordi haben sogar den European Song Contest gewonnen. Aber in Finnland wurde auch der Handy-Weitwurf erfunden, und ein trocken vorgebrachter, absurder Humor gehört zur Volkskultur. Abgesehen vom Humor, wirkt Tenor in jeder Beziehung wie der totale Gegenentwurf zu seinem Heimatland.
Humor sichert die Freiheit
Den Humor immerhin setzt der unberechenbar wirkende Lassi Lehto aus Lahti, wie er bürgerlich heisst, strategisch ein. Dem Schweizer Musikjournalisten Martin Horat verriet Tenor 2001, am wichtigsten sei ihm die künstlerische Freiheit. Die könne er sich am ehesten leisten, wenn er eine unterhaltsame Show abliefere. Man möge aber deswegen nicht die Ernsthaftigkeit seiner musikalischen Interessen unterschätzen.
Die drehen sich in jüngster Zeit vermehrt um psychedelischen 70er-Funk mit einem kräftigen Schuss Afrobeat. Mit Trommellegende und Tenor-Fan Tony Allen (Fela Kuti, The Good, The Bad & The Queen) hat Jimi schon ein Album aufgenommen. Auf der aktuellen Tour tritt der Finne allerdings solo auf – in seiner Paraderolle als psychedelischer Soundalchemist im Funkstudio.





