Die amerikanische Linguistin Helena Norberg-Hodge hat während Jahrzehnten verschiedene Gesellschaften untersucht. So konnte sie über einen grossen Zeitraum mitverfolgen, welche Auswirkungen die Globalisierung auf das abgeschieden in Tibet lebende Volk der Ladakh hatte. Der massenhafte Import subventionierter Nahrungsmittel zerstörte ein funktionierendes Gesellschafts- und Wirtschaftsgefüge. Zu den Folgen gehörten Arbeitslosigkeit, schwindender Zusammenhalt und ein Gefühl der Minderwertigkeit.
Der Unsinn versteckter Subventionen
Diese Studien dienten Norberg-Hodges als Grundlage für ihren preisgekrönten Dokumentarfilm «Die Ökonomie des Glücks». In ihm porträtiert sie unter anderem rund um den Globus Initiativen, welche lokal orientierte Wirtschaftssysteme fördern. Es kommen aber auch Marktexperten zu Wort wie der konservative englische Parlamentarier Zac Goldsmith. Er macht auf den Unsinn versteckter Subventionen aufmerksam: Bei einer Vollkostenrechnung würden sich Auswüchse internationaler Transporte nicht mehr lohnen. So importiert und exportiert England gleichzeitig annähernd gleich grosse Mengen von Milch, Brot, Eiern und Schweinefleisch.
Es sind solche Fakten, die den Film eindrücklich machen, den die Tour de Lorraine als Schweizer Premiere zeigt. Sie verdeutlichen, dass das reine Wirtschaftswachstum an sich auch völlig absurde Effekte erzielt. So trägt beispielsweise Umweltzerstörung zum Wachstum des Bruttoinlandproduktes bei, etwa wenn nur noch Wasser aus Flaschen getrunken werden kann. «Wenn man mit den Menschen spricht», sagt Alwin Egger vom Organisationskomitee der Tour de Lorraine, «ist fast allen klar, dass die Ressourcen der Erde endlich sind. Die meisten sehen bloss keinen Ausweg aus unserem System.»
Konstruktive Kritik statt Protest
Als man im letzten Sommer begonnen habe, die diesjährige Veranstaltung zu planen, erklärt Egger, habe man nicht einfach die Krise thematisieren wollen: «Das wäre nur eine Reaktion gewesen.» Vielmehr wolle man in verschiedenen Workshops und mit Filmen wie «Die Ökonomie des Glücks» aufzeigen, dass es alternative Ansätze gebe. «Wir haben keine fixfertigen Lösungen», gesteht Egger, «aber Vorschläge, über die man diskutieren kann.»
Entstanden ist die Tour als Protestveranstaltung gegen das World Economic Forum in Davos. «Das sind wir immer noch», betont Egger, «aber wir transportieren unsere eigenen Inhalte.» Damit geht der veranstaltende Verein einen Weg, den auch andere kritische Organisationen eingeschlagen haben. Der Fokus liegt heute weniger auf dem Protest als auf konstruktiver Kritik. Von diesem Ansatz sind auch die verschiedenen Workshops an der Tour geprägt, die Handlungsalternativen vermitteln. Und nach all der Theorie geht es auf zur eigentlichen Tour: dem Abklappern all der Partys und Konzerte in den Lokalen des Quartiers.





