Ein scheinbar ganz normaler Abend in der Vorstadt: Ein Auto fährt in die Garage eines Einfamilienhauses. Ein Mann steigt aus und geht ins Haus. Dort verstaut er seine Einkäufe, dreht den Fernseher an und kocht das Abendessen. Einzig die schalldichte Türe zum Kellerabgang und die heruntergelassenen Jalousien deuten an, dass etwas nicht stimmt. Doch als der Mann die schwer verriegelte Tür zum Kellerverlies aufschliesst und ein kleiner Junge aus dem Dunkel tritt, wird einem langsam klar, wovon dieser Film handelt: «Michael», das Regiedebüt des Österreichers Markus Schleinzer, erzählt von den letzten Monaten des unfreiwilligen Zusammenlebens des kleinen Wolfgang mit seinem Peiniger Michael. Dabei stellt der Film nicht das Opfer, sondern den Täter in den Mittelpunkt.
Normalität des Bösen
Der 35-jährige Versicherungsangestellte Michael (Michael Fuith) führt ein unauffälliges Leben in einem Häuschen in einer österreichischen Vorstadt. Doch der Pädophile hält einen 10-jährigen Jungen in seinem Keller gefangen, den er regelmässig vor dem Schlafengehen missbraucht. Sein ganzes Leben dreht sich um seinen Trieb und dessen Vertuschung. Vor Arbeitskollegen, Freunden und Familie tut Michael alles, um die kleinbürgerliche Fassade aufrechtzuhalten. Er erfindet sogar eine Freundin, die angeblich in Deutschland lebt, um allfälliges Misstrauen aus dem Weg zu räumen. Gleichzeitig führt er mit dem kleinen Wolfgang ein erschreckend gewöhnliches Leben: Sie essen zusammen, spielen Puzzle, schauen fern, unternehmen Ausflüge und feiern Weihnachten.
Anstatt das schreckliche Verbrechen skandalträchtig zu inszenieren, geht Regisseur Markus Schleinzer das schwierige Thema sehr nüchtern an. Die Geschichte wird in langen, ruhigen Einstellungen, nur mit wenigen Dialogen und ohne Musikeffekte erzählt. Auch auf die konkreten Missbrauchsszenen wird komplett verzichtet. Sie werden nur angedeutet, wenn Michael ein Kreuz in seinen Kalender zeichnet oder wenn man sieht, wie er sich nach dem Akt den Intimbereich wäscht. Dabei wird Michael aber nie Sympathie entgegengebracht, nie wird versucht, sein Handeln zu erklären oder gar zu entschuldigen. Es wird ganz einfach gezeigt.
Herausragende Leistung
Schleinzer hat jahrelang als Casting Director für namhafte österreichische Filmemacher wie Michael Haneke («Funny Games») und Jessica Hausner («Lourdes)» gearbeitet hat. Er nicht nur ein eindrucksvolles Drehbuch geschrieben, sondern auch hervorragende Schauspieler gecastet. Michael Fuith spielt die Rolle des Michael so unscheinbar und unausstehlich, dass einem immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Auch die Leistung des 10-jährigen David Rauchenberger ist bemerkenswert.
«Michael» ist kontrovers. Bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes löste er Buh- und Bravorufe und anschliessend hitzige Diskussionen aus. Das liegt wohl daran, dass er einen wunden Punkt trifft: Wenn das Böse so gewöhnlich daherkommt, wie soll man es vom Guten unterscheiden können?





