Martíns Reise beginnt nicht nur im tiefsten Winter, sondern auch «am Arsch der Welt», wie es im Untertitel des Films «El Viaje» heisst. Der 17-Jährige lebt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in der Stadt Ushuaïa am südlichsten Ende von Argentinien. Das Klima hier ist rau und feucht, und Martíns Schule wird nicht einmal bei Temperaturen unter null geheizt. So kommt es dem jungen Mann gerade recht, dass er wegen zu vieler Verwarnungen vom erzkonservativen «Colegio national modelo» fliegt. Als dann auch noch seine Freundin gegen seinen Willen abtreibt, sieht er keinen Grund mehr, an diesem trostlosen Ort zu bleiben. Lieber begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater, der als Geologe und Comiczeichner in Paraíso am Amazonas leben soll.
Im tiefsten Schnee steigt Martín aufs Velo und macht sich auf zu seiner Reise quer durch den lateinamerikanischen Kontinent. Unterwegs trifft er auf die politischen Missstände im eigenen Land, auf soziale Ungerechtigkeit, Armut und die Geschichte Südamerikas sowie auf Krankheit und Tod, aber er erfährt auch Freundschaft und Liebe. Vor allem aber kommt sich Martín mit jeder Etappe selbst ein Stückchen näher.
Ein Film für viele, aber nicht für alle Geschmäcker
«El Viaje» (1992) spricht ganz unterschiedliche Menschen an. Junge Erwachsene finden sich in Martíns Initiationsreise genauso wieder wie Philosophen, Lateinamerika- oder Velofans. Auch Verfechter des politisch engagierten Filmschaffens sowie Liebhaber von Satire und Surrealem kommen auf ihre Rechnung. Mit «El Viaje» hat der argentinische Regisseur Fernando Solanas ein Roadmovie mit vielen Anspielungen und symbolträchtigen Bildern geschaffen. Realität, Fiktion und Traum gleiten oft unbemerkt ineinander über und die Gegenwart wechselt an einigen Stellen mit expressiven Comicsequenzen in die Vergangenheit.
Mit der Figur des Dr. Rana (deutsch: Frosch) übt Solanas harsche Kritik am damaligen Präsidenten Carlos Menem: Er lässt das Staatsoberhaupt in Schwimmflossen in einem total überschwemmten Buenos Aires auftreten oder zeigt ihn in einer Ansprache auf der Konferenz der «Auf Knien liegenden Länder». Nicht alle politischen Anspielungen sind für das europäische Publikum verständlich, auch ist der Film stellenweise ziemlich pathetisch und langatmig. Dank der witzigen und absurden Überzeichnungen macht die Geschichte trotzdem Spass.
Politisch engagiertes Kino
Sein Schaffen hat Regisseur Solanas schon mehrmals fast das Leben gekostet: Bereits sein erster Langfilm «La Hora de los Hornos» (1968) sorgte für Aufsehen. Die Dokumentation, die er zusammen mit Octavio Getino drehte, thematisierte den Neokolonialismus und die Gewalt in Lateinamerika. 1969 veröffentlichten Solanas und Getino das Manifest «Für ein drittes Kino». Sie plädieren darin für einen Film, der sich – anders als das kapitalistische Hollywoodkino und das individuellere europäische Autorenkino – sozial und politisch engagiert. In den 70er-Jahren gründeten die beiden zudem die «Grupo Cine Liberación», die mit der linken peronistischen Bewegung in Argentinien verbunden war. Nachdem Solanas 1976 von rechten Gruppen Morddrohungen erhalten hatte und einer seiner Schauspieler umgebracht worden war, floh er nach Paris, wo er fünf Jahre lebte. Bei seiner Rückkehr hatten sich die Verhältnisse zwar geändert, das neoliberale System des neuen Präsidenten Menem war Solanas aber ebenfalls ein Dorn im Auge. Er scheute sich nicht, diesen in «El Viaje» schamlos zu karikieren, worauf er bei einem Attentat kurz nach Abschluss der Dreharbeiten fast ums Leben gekommen wäre.





