Von den sieben Kindern auf dem Foto ist sie das einzige, das noch lebt. «Gret war 58, Rosa wurde 73 und Fritz 78 …» Die Mutter des Berner Filmemachers Christian Iseli ist bereits über 90 Jahre alt und erzählt enthusiastisch vom damaligen Besuch eines Fotografen in Uetendorf. Dem Sohn geht beim Vergleich zwischen dem Mädchen auf dem Bild und der alternden Frau neben ihm auf, was der französische Philosoph Roland Barthes 1980 bemerkte: «Das Kinderfoto meiner Mutter vor Augen, sage ich mir: Sie wird
sterben …» Dieses Zitat stellt Christian Iseli an den Anfang seines essayistischen Dokumentarfilms, «Das Album meiner Mutter». Gemeinsam mit ihr geht er die Fotos durch, spricht über die Vergangenheit, lässt Erinnerungen aufleben und rekonstruiert ihre Lebensgeschichte – im Wissen, dass eine vollständige Rekonstruktion Illusion bleibt. Erinnerungen haben keinen Wahrheitswert.
Korrektur des Vergangenen
Gerade mal sieben Bilder gibt es von der Mutter, bis sie 15 Jahre alt ist. Aus seiner eigenen Kindheit hingegen findet Iseli auf Anhieb über 60. Einige von ihnen wurden dem Regisseur zu Erinnerungen, die es ohne die Bilder nicht gäbe. «Erinnerung und Zufall», nennt er dieses Phänomen, und erinnert sich an weitere Ereignisse, die er kurz darauf wieder revidiert – der Vater starb nicht in der Nacht, bevor er ins Heim musste. Der Sohn fände es aber eine schöne Erinnerung: Erinnerung als Möglichkeit.
Ganz aus seinem spielerisch-philosophischen Zugang zur Vergangenheit fällt Iseli dann, als er die Mutter nach der Liebesgeschichte zum Vater befragt, mit dem sie 61 Jahre lang verheiratet war. Ungläubig der Sohn, der bis anhin eine andere Version kannte, schelmisch die Mutter, die mit der Neugier des Sohnes spielt. «Wenn du nie telefoniert und nie geschrieben hast … wie hast du ihm gesagt, dass du schwanger bist?» – «Das hat er geträumt!» Christian Iseli inszeniert nicht; die Begegnungen zwischen Mutter und Sohn sind so unverfälscht, dass einem die Nähe beim Zuschauen teilweise fast unerträglich wird. Man sieht die Mutter, wie sie weinen muss, weil ihr das Alleinsein nach dem Tod ihres Ehemannes zusetzt. Und der überforderte Sohn sitzt ihr mit der Kamera gegenüber und sagt nur: «Ja. Ja.»
Exemplarische Schweizer Biografie
Auch wenn der Film in solchen Momenten sehr intim wird, ist die Geschichte der Familie Iseli exemplarisch für eine Deutschschweizer Biografie: Die Aktivdienstgeneration der Eltern; Sexualität ist tabu, auch noch bei der Erziehung der Nachkommen; später die einsame Mutter im Altersheim und die Schuldgefühle der Kinder: «Vreni kommt auch nur einmal pro Woche zu mir ins Heim.» Das Exemplarische der persönlichen Geschichte unterstreicht Iseli, indem er sein Werk mit alten Schweizer Wochenschauen und anderem dokumentarischem Material versetzt. Die Hornusser und Schützen, die im Film vermeintlich nur zur Bebilderung auftauchen, entpuppen sich im Abspann aber als Verwandte des Regisseurs – auch sie sind Teil des dichten Netzes, mit dem Iseli feinfühlig die Biografie einer Sterbenden umfasst.





