Waghalsiger Tanz am hängenden Stoffband, Märsche kopfüber an der Bühnendecke, Pfeile, die in einer anmutigen Szene über den Theaterboden schiessen: Die Berner Gruppe öff öff tut Atemberaubendes. Auch im neuen Stück, «Le vent nous portera», das am Festival «Heimspiel» Premiere feiert. Erste Bruchstücke des neuen öff-öff-Werks gab es bereits letzten Sommer zu sehen, als die Tanztheatergruppe an einem Fest zur Abstimmung über die Subventionsverträge in der Dampfzentrale einen kleinen Vorgeschmack gab.
Poetik mit Goethe
Falls «Le vent nous portera» in Sachen Poetik und Witz an den erwähnten Ausschnitt anknüpfen kann, verspricht das Stück wiederum ein Erfolg zu werden, auch wenn es keine Grossproduktion ist wie «Orbite» oder «Tubeland» aus früheren Jahren. Beide werden auch dieses Jahr wieder in mehreren europäischen Ländern gespielt. Die Stücke von Choreografin und Regisseurin Heidi Aemisegger haben nicht nur stets eine lyrische Note, sie stehen synonym für neue Ideen, artistisches Spektakel und getanzte Augenweide – so gesehen in «Tubeland», in dem sich die Tänzerinnen und Tänzer durch vom Himmel hängende Plastikschläuche schlängelten.
Der Titel «Le vent nous portera» der neuen Produktion erinnert an den gleichnamigen Song von Noir Désir und an die Coverversion von Sophie Hunger. Heidi Aemisegger fühlt sich mit der Sängerin verbunden: «Sie tut musikalisch das, was sie für richtig hält, auch gegen den Mainstream.» Die Idee hinter dem Titel, sich auf die Gegebenheiten einzulassen und offen zu sein für das, was kommt, verfolge sie in ihrer Arbeit mit dem Tanz-Team seit eh und je. Die Stücke würden sich stets in der Improvisation entwickeln. «Ich reisse etwas an, und danach geht es darum, Kontrolle abzugeben und doch Leitplanken zu setzen.»
Inhaltlich dreht sich das Stück um das Verhältnis von Geschwistern zueinander und um ihre Rollen im sozialen Gefüge. Wie erhalten Kinder das Vertrauen ins Leben? Wie schaffen sie es zu fliegen, ohne zu vergessen, woher sie kommen? Johann Wolfgang von Goethe hat das schön gesagt: «Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.»
Produktionen mit aktuellen Themen
In der siebten Ausgabe des Tanzfestivals «Heimspiel» sind weitere neue Berner Produktionen zu bestaunen. Die in Bern lebende Neuseeländerin Emma Murray thematisiert in «naturalcauses» das letztjährige Erdbeben in ihrer Heimatstadt Christchurch. Auch Daria Gusberti nimmt eine Erschütterung des letzten Jahres zum Thema. In «Whilst closely gazing at the soup …» sucht sie zusammen mit der Ägypterin Karima Mansour das Haar in der Suppe der ägyptischen Revolution.





