Laura Scozzi hetzt von der grossen Bühne ins Foyer. Ihr Schal hängt fast bis zum Boden. «Regnet es hier eigentlich immer?», fragt sie gespielt besorgt und schaut aus dem Fenster. Die Choreografin und Regisseurin hält sich erstmals in Bern auf.
Die 1964 in Mailand geborene und in Avignon lebende Künstlerin studierte an der Accademia d’Arte Drammatica in Rom und der Ecole du Mimodrame Marcel Marceau in Paris. Ihre erste Leidenschaft gilt jedoch dem Tanz. Bekannt wurde sie durch die gemeinsamen Opern-Produktionen mit dem Regisseur Laurent Pelly, bei denen sie für die Choreografie zuständig war. Dass sie von der Bewegung ausgehe, das merke man selbst dann, wenn sie wie für «Orpheus in der Unterwelt» als Regisseurin agiere. «Körper und Atmung sind für mich ganz wichtige Elemente bei der Gestaltung eines Charakters», sagt Scozzi. Konzeptionelle Fragen stelle sie sich hingegen kaum.
Teuflischer Galopp
Ein allzu verkopfter Ansatz würde wohl auch nicht zu Jaques Offenbachs Operette passen, die 1858 in Paris uraufgeführt wurde. Die Opéra-bouffon verspricht viel Witz, Chaos und weltberühmte Musikpassagen wie etwa den sogenannten Höllen-Cancan, auch bekannt als «Galop infernal».
Götter und Menschen treiben es bunt. In zwei Akten wird vom mittelmässigen Musiker Orpheus (Andries Cloete) und seiner Frau Eurydike (Anne-Florence Marbot) erzählt. Die beiden betrügen sich gegenseitig aus purer Langeweile. Schliesslich wird Eurydike von ihrem Geliebten Pluto (Matthias Grätzel) in die Hölle entführt.
Orpheus ist zuerst froh, sie los zu sein. Doch die personifizierte öffentliche Meinung (Claude Eichenberger) verlangt, dass er seine Frau zurückfordert. Er steigt hinauf in den Olymp zu den Göttern, wo ebenfalls Überdruss und Untreue den Alltag bestimmen. Der zweite Akt spielt schliesslich im Höllenreich. Über Glück oder Unglück entscheidet am Ende ein von Jupiter (Doppelbesetzung mit Armand Arapian, Robin Adams) geschleuderter Pfeil.
Der Olymp als Altersheim
Offenbach nahm den Kult um die Antike, der damals in der besseren Gesellschaft grassierte, gehörig auf die Schippe. Gleichzeitig karikierte er die Doppelmoral der Herrschenden. Napoléon III. soll sich gar in der Figur des liebestollen Jupiters erkannt haben. Laura Scozzi führt die Geschichte ins Hier und Jetzt. Die Bühne (Juliette Blondelle) besteht bei ihr aus einem dreistöckigen modernen Haus. In der Mitte ist die weltliche Sphäre zu Hause inklusive eines rosaroten Coiffeursalons, in dem Eurydike arbeitet. Im oberen Stock wohnen die Götter. «Sie sind frustriert, weil sie an Wichtigkeit verloren haben und längst niemand mehr ‹zum Jupiter› sagt», erklärt Scozzi. «Mein Olymp ist eine Art Altersheim, in dem sich die Götter gegenseitig anöden.»
Am lustigsten geht es natürlich in der Unterwelt zu und her, in die man mit einem Lift gelangt, der alle drei Stockwerke verbindet – und wo die Ehe von Eurydike und Orpheus schliesslich wortwörtlich zur Hölle fährt.





