«Als Schweizer ist man zunächst überfordert, wenn man ein Stück zur Revolution machen will», sagt Mathis Künzler. Der Schauspieler gehört zusammen mit Sonja Riesen, Dominique Jann und Jonathan Loosli zum Produktionsteam Vor Ort. Bekannt geworden in Bern ist die Gruppe mit ihrem Rundgang «Die Sage vom Schlachthausstier» in der Rathausgasse.
Der Name «Vor Ort» deutet es schon an: Das Team hat sich darauf spezialisiert, Produktionen abseits der üblichen Bühnen durchzuführen. Und dies nicht nur, um das Theater wieder näher an die Leute zu bringen. «Jeder Ort ist mit Geschichten aufgeladen», sagt Loosli, «die versuchen wir aufzugreifen und in unser Stück einfliessen zu lassen.» Der Schauplatz von «Neuland» ist das Gaskesselareal an der Sandrainstrasse im Marzili.
Helvetische Kulturrevolution
Heute liegt der «Chessu» etwas abseits der Partyströme, doch er hat eine bewegte Geschichte. Entstanden ist das erste Jugendkulturzentrum auf Drängen der 68er. Während der Jugendunruhen in den 80ern war er mit seinem Zelt- und Wagendorf Zaffaraya ein Brennpunkt, bis sich das Geschehen in die Reitschule verlagerte.
Die Geschehnisse rund um die helvetischen Kulturrevolutionen nahm Vor Ort als Inspirationsgrundlage, um ein eigenes Stück zu entwickeln. Mit Anlehnung an die realen Ereignisse erzählt es jetzt aber nicht etwa von Zaffaraya, sondern verfolgt die Geschichte einer Familie über drei Generationen hinweg. Im Zentrum steht die Frage, wie eine Revolution beginnt. «Angefangen haben wir auf der persönlichen Ebene», erklärt Jann, «nämlich mit der Frage, wann es uns selbst den Deckel lüpft.»
Aus dem Gaskesselareal wird Neuland
Erzählt wird «Neuland» auf einem Rundgang mit Theater, Tanz und Performance. Die Truppe nutzt das Gaskesselareal als Kulisse, in der teils assoziative Bilder inszeniert werden. Dabei wird das Publikum direkt angesprochen oder zum Komplizen des Geschehens gemacht – aber auch der Witterung ausgesetzt. Ausser bei Sturm findet «Neuland» bei jedem Wetter statt, für die regenfeste Kleidung sei man bitte selbst besorgt.
Aber natürlich hoffen die acht Akteure von Vor Ort auf gutes Wetter, schliesslich soll aus ihrer Aktion beim Gaskessel mehr entstehen als nur ein Rundgang. Mit einer Bar, einem Karussell, mit Partys und Zirkustruppen wollen sie einen Ort schaffen, an dem man sich am Feierabend gern aufhält. Unabhängig davon, ob man des Stücks wegen dort ist oder nicht. In der «unsäglichen Sommerpause» soll Bern nicht ohne Kultur bleiben. Loosli sagt denn auch explizit: «Die Tanz-dich-frei-Demonstration passt zum Thema. Das verschlafene, reglementierte Bern erwacht langsam und fordert Räume ein.»
Und plötzlich stellt man fest, dass sogar in der Schweiz (kleine) Revolutionen möglich sind. Sogar im – oder wegen des Sommerlochs?





