Belluard-Highlights
Der Neuseeländer Keith Lim nimmt das Festivalmotto wörtlich: Der bekennende Game-Süchtige spielt in der Performance «Achievement achieved» stundenlang Videospiele und verfällt nach einem selbst auferlegten Entzug erneut seiner Sucht.
Arsen Alt, Freiburg
Fr., 29.6., 17 Uhr, bis Mo., 2.7., 9 Uhr
Die britische Theatergruppe Getinthebackofthevan will «das Publikum optimieren», und zwar mit theatralen Mitteln wie Slapstick, Songs oder gar Bauchreden.
Belluard Bollwerk, Freiburg
Fr., 29.6., und Mi., 4.7., 22 Uhr
Die Belgier Pieter De Buysser (Autor und Schauspieler) und Hans Op de Beeck (bildender Künstler) denken in der begehbaren Wunderkammer «Book Burning» anhand eindringlicher Bilder und Texte über das Recht auf Entsorgung nach.
Belluard Bollwerk, Freiburg.
Sa., 30.6., 22 Uhr
Der serbische Schauspieler Damir Todorovic fragt in seiner Performance «As it is», was während seines Bosnieneinsatzes wirklich geschehen sei. Dazu lässt er sich selbst an einen Lügendetektor anschliessen.
Treffpunkt: Ancienne Gare, Freiburg
Mi., 4.7., bis Sa., 7.7., 19.30 Uhr
Ein junger, unsicherer Mann sitzt, in diffuses Licht getaucht, auf einem Stuhl und spricht zum Publikum. Eine wahre Geschichte werde er uns erzählen und mit seinen Marionetten nachstellen. Es gehe um seine Beteiligung an einer Serie von Morden. Zuerst wolle er aber die hier versammelte Klasse von angehenden Psychologen begrüssen. Unheimliche Musik setzt ein, und schon ist man mitten drin im Stück «Jerk».
Die Regisseurin Gisèle Vienne hat es 2008 nach der gleichnamigen Novelle des US-amerikanischen Skandalautors Dennis Cooper konzipiert. Am Festival Belluard Bollwerk International wird das 2008 uraufgeführte Ein-Mann-Stück erneut gespielt. Zarte Seelen seien gewarnt. Die österreichisch-französische Regisseurin erzählt von Aufführungen, in denen Zuschauer geweint oder den Saal verlassen hätten oder sogar in Ohnmacht gefallen seien. Sie gebe dem Publikum, was sie von Kunst erwarte: «Kunst muss aufrütteln, nicht bequem sein, sondern tief und ‹heavy›.»
Vergiftung statt Entgiftung
Eine Ansicht, die gut zum Geist des seit 1983 mit skurrilen Beiträgen überzeugenden Festivals passt. Für die aktuelle Ausgabe hat Direktorin Sally De Kunst das Motto «Retox» gewählt, eine Kurzform von Retoxifikation. Damit ist die Phase gemeint, in der ein Süchtiger nach der Entgiftung (Detoxifikation) wieder zum Stoff greift.
In Gisèle Viennes Stück ist der Stoff ein mörderischer: Mit Hilfe von Mario-netten unter anderem in Form eines niedlichen Pandas und einer flauschigen Robbe erzählt der Puppenspieler Jonathan Capdevielle aus dem Leben eines kaputten Typen. Bald vermischen sich Fiktion und Realität zu einem undurchsichtigen Ganzen. Einmal verliert die Kunstfigur die Fassung und kann ihre Puppen nicht mehr bedienen, einmal ist es der Schauspieler selbst, der in dunkle Fantasien abdriftet und den Faden zu verlieren droht.
Subversive Fantasie
Der Originaltext von Dennis Cooper basiert auf einem wahren Fall. Der Texaner David Owen Brooks war in den frühen 70er-Jahren der Komplize des homosexuellen Serienmörders Dean Corll, der mehr als zwanzig Morde an Jungen und jungen Männern verübte. Brooks sitzt bis heute in Haft und behauptet, er habe nie selbst getötet, sondern «nur» den Lockvogel gespielt oder die Morde mit der Kamera aufgezeichnet.
Dass der junge Mann seine Taten anhand eines Puppenspiels vor Psychologen aufarbeitet, ist frei erfunden. Anhand dieser subversiven Fantasie werden die Zuschauer in dunkelste Winkel der menschlichen Psyche entführt. Kunst ist für Gisèle Vienne eine Möglichkeit, jenseits von sensationslüsternen Medienbildern Abgründe auszuloten.





