Alles beginnt als Witz: Eine junge Frau aus Alis Stammkneipe fordert ihn im Scherz auf, mit der alten Frau zu tanzen, die allein am Tisch sitzt. Die beiden tanzen und die Witwe Emmi lädt den Marokkaner zu sich nach Hause zum Kaffeetrinken ein.
Ali bleibt über Nacht, und als Emmi am nächsten Morgen Angst vor der unverhofften Entwicklung verspürt, wird sie von Ali beruhigt: «Nix weinen. Nix Angst. Angst essen Seele auf!» Trotz des allgegenwärtigen Spotts und der Feindseligkeiten von Nachbarn und Familie erblüht die Liebesgeschichte, das ungleiche Paar heiratet.
Mit diesem Filmstoff zeigt das Theater an der Effingerstrasse eine weitere Schweizer Erstaufführung. «Angst essen Seele auf» von Rainer Werner Fassbinder gewann 1974 unter anderem Kritikerpreise am Filmfestival in Cannes. Nun findet der Stoff den Weg auf die Berner Bühne mit Giulietta S. Odermatt und Martin Helstone in den Hauptrollen.
Menschlichkeit im Vordergrund
Regisseur Stefan Meier sah Fassbinders Werk zum ersten Mal vor 25 Jahren und ist immer noch tief beeindruckt davon: «Der Film ist politisch, psychologisch und menschlich interessant. Es ist eine schlichte Geschichte mit guten Dialogen, die leider zeitlos ist – man könnte meinen, in einer globalisierten Welt sei Fremdenhass kein Thema mehr. Die Realität zeigt aber das Gegenteil.» Trotz der politischen Brisanz möchte Meier keine politische Agitation betreiben. Ihn interessiert die Menschlichkeit: «Diese zeitlich begrenzte Liebe ist eine berührende Geschichte. Sie vermittelt einen Gegenentwurf zu dem ‹Ausländer sind alle Verbrecher›-Bild, das in manchen Kreisen kursiert.»
Meier hat Fassbinders Dialoge aus dem Film übernommen: «Sie sind direkt und einfach. Ali spricht zwar ‹kanakisch›, es ist aber kein despektierlicher Slang. Fassbinder hat die Texte sehr liebevoll und poetisch gestaltet.»
Kein «Migrantenbashing»
Ansonsten hat sich der Hausregisseur des Effingertheaters nicht an der Filmvorlage orientiert: Er siedelt seine Inszenierung in einem funktionalen Bühnenbild an, das abstrakte Versatzstücke mit konkreten Andeutungen paart. Mit einem verhaltenen Schauspielstil und einer Prise Nostalgie erinnert die Ästhetik des Stücks an Meiers Adaption von Kaurismäkis «I hired a contract killer» (2008). Dem Publikum wird Raum für Assoziationen und die Hinterfragung eigener Moralvorstellungen und Vorurteile gelassen.





