Aktionskunst mit BMI
Performance, auch Aktionskunst genannt, ist eine Kunstrichtung, die allgemein als «schwierig», weil schwer zugänglich gilt. Das muss zwar für eine konkrete Aktion nicht gelten, viele Performances erschliessen sich auch Zuschauenden ohne theoretische Vorbildung, da teils mit gehörigem Witz der Mensch und seine Normen hinterfragt werden. Dazu benutzen die Künstlerinnen und Künstler zumeist ihren eigenen Körper als Arbeitsmittel.
«Schwierig» ist Performance insofern, als sich in ihrer Theorie Überlegungen aus bildender Kunst, Skulptur, Theater und Literatur vereinen. Zur Arbeit der Gruppe Black Market International (BMI) etwa existiert ein Text mit fünfzehn komplexen «Prinzipien», die während einer Aufführung eingehalten werden sollen. BMI wurde 1980 vom Deutschen Boris Nieslony gegründet. Inzwischen besteht der Verbund aus zwölf Performerinnen und Performern, die alle auch solo arbeiten. Ihr Wille, den eigenen, hochindividuellen Ausdruck in Gemeinschaftsarbeiten einzubinden, macht BMI zu einer der wichtigsten Performance-Gruppen international.
Norbert Klassen, der Gründer und künstlerische Leiter von Bone, ist eines der Schweizer Aushängeschilder der Performance-Kunst. In Bern, wo er seit Jahrzehnten lebt, ist er auch bekannt als Regisseur und ehemaliger Lehrer an der Hochschule der Künste. Ausserdem ist Klassen Mitglied von Black Market International.
Kulturagenda: Norbert Klassen, die aktuelle Ausgabe Ihres Performance-Festivals Bone ist der Gruppe Black Market International gewidmet – bei der Sie Mitglied sind. Das lässt auf den ersten Blick Selbstbeweihräucherung vermuten.
Norbert Klassen: Ich habe es immer vermieden, bei Bone selbst aufzutreten und ein Festival um mich herum aufzubauen. Black Market habe ich alle fünf Jahre eingeladen, weil ich die Gruppe extrem wichtig finde. Als ich sie das erste Mal einlud, nahm ich an ihren Performances nicht teil. Das brachte mir ebenfalls Kritik ein. Diesmal werde ich an einigen Performances teilnehmen, weil ich halt zu der Gruppe gehöre.
Wie sind Sie überhaupt auf Performance gestossen?
Ich lernte die Fluxus-Leute 1960 kennen, als ich noch auf der Schauspielschule war, und erhielt sogar das Angebot, bei ihnen mitzumachen. Allerdings musste ich den Direktor der Schauspielschule um Erlaubnis fragen, und er sagte mir, ich würde von der Schule fliegen, «wenn du bei den Idioten mitmachst». Die «Bild»-Zeitung schrieb damals eben Dinge wie: «Wieder ein Klavier ruiniert! Soll das Kunst sein?» Mir fehlte der Mut, die Schule zu schmeissen, und der Kontakt zu Fluxus brach für einige Jahre ab. Ich machte dann Aktionen wie «my favourite performance live»: Die Leute sassen in einem Raum mit einem Schaufenster. Der Vorhang öffnete sich und man sah eine halbe Stunde lang nur das Leben auf der Strasse, danach fiel der Vorhang wieder. Ich nannte das experimentelles Theater. Dadurch lernte ich Künstler kennen, die sich in der Performance-Szene bewegten, und wuchs selbst dort hinein.
Und wie sind Sie zu Black Market International (BMI) gekommen?
Es gab vor 25 Jahren eine Ausstellung von Gerhard Johann Lischka in Bern, die hiess «Alles und noch viel mehr». In deren Rahmen performte ich mit Studenten und lernte durch Lischkas Vermittlung Boris Nieslony kennen, den Gründer von Black Market. Zuerst bestand die Gruppe aus sieben Leuten, am Anfang nur aus Männern, was ein Zufall war: Nieslony versammelte unter dem Namen BMI Soloperformer, bei denen er gemeinsame Qualitäten im Umgang mit Raum, Zeit, Achtsamkeit usw. festgestellt hatte.
Ist BMI eine reine Arbeitsgemeinschaft oder bestehen auch private Kontakte?
Ich kenne sie alle privat, aber komischerweise verlieren wir sehr schnell das Interesse aneinander. Als ich neulich im Krankenhaus lag, riefen mich alle an, und falls jemand in Not ist, helfen wir einander. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs haben wir als Gruppe auch schon das Geld aufgebracht, um einem polnischen Kollegen eine Krebsoperation in Deutschland zu bezahlen.
BMI feiert dieses Jahr das 30-jährige Bestehen. Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich die Arbeit verändert?
Wir haben uns sicher verändert, aber ich kann nicht sagen, wo und wie. Ich sehe, wie sich die einzelnen Mitglieder von Black Market entwickelt haben, und bin über ihre Entwicklungen immer wieder überrascht. Die Herausforderung besteht darin, zu tolerieren, an welchem Punkt sich die anderen gerade befinden. Man muss seinen Frieden damit machen, dass es unmöglich ist, in diesem Rahmen ein ganzes Konzept durchzubringen. Denn dann würde man die anderen als Störfaktoren empfinden …
… was nicht sein darf.
In den Performances herrscht eine wahnsinnige Toleranz. Man darf nicht urteilen und den eigenen künstlerischen Horizont für andere verpflichtend machen.
Und wie gut ertragen Sie das?
Mal besser, mal schlechter (lacht). Aber ich muss mich auch immer wieder fragen: Was habe ich dagegen? Wo endet mein Weltbild, dass das keinen Platz darin haben sollte?
Die Konfrontation mit den eigenen Grenzen gehört also zum Konzept?
Das hilft mir auch, die Eitelkeit zu verlieren. Sie hat einfach keinen Sinn. Man bewegt sich in einem Feld mit sehr vielen Leuten und fragt sich: Wo ist es wichtig, sich zu beteiligen? Wo ziehe ich mich zurück? In welche Aktion gehe ich hinein? Wie lange bleibe ich darin?
Eine ganz starke Konzentration aufs Gegenüber.
Boris Nieslony spricht in diesem Zusammenhang oft von dem Dazwischen. Darin hat ganz viel menschliches Platz – was aber nicht über das Private läuft. Ich stehe oft davor zu sagen: Ich habs satt. Und stelle im Nachhinein trotzdem fest, dass ich sehr von der Performance profitiert habe. Satt habe ich es ja bloss, weil ich mein Konzept nicht durchbringen konnte. Andererseits erweitert genau dieses Aufgebenmüssen meine Kunst.
Boris Nieslony würde von sozialen Utopien sprechen. Und Sie?
Ich komme immer auf Anarchie im guten Sinn. Anarchie ist in der Kunst ja sehr wichtig. Ich möchte nicht in einer Anarchie leben, das ist schwierig, wie alle Utopien. Aber als Gedankengerüst sind sie sehr befruchtend.
Der BMI spricht nicht mit einer Stimme.
Ich kann nicht mit allem, was die anderen tun, etwas anfangen. Aber wir ermutigen und unterstützen uns gegenseitig, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen, immer auf die Gefahr hin, sich auch der Lächerlichkeit preiszugeben. Das ist Black Market. Wir bewegen uns in Widersprüchen. Wir haben Meinungsverschiedenheiten und wir werden nie auf einen Punkt kommen. Ich bin sogar der Überzeugung, dass jeder von uns Black Market anders sieht. Auch das Manifest mit den fünfzehn Regeln: Ich nehme es zur Kenntnis, aber ich muss nicht darüber diskutieren, ob es für mich stimmt oder nicht.
Und was hält die Gruppe zusammen?
Jeder von uns hat als Einzelperformer eine Qualität, auf die man bauen kann. Jeder von uns überlegt sich, ob er überhaupt das Recht habe, vor Publikum aufzutreten und womit. Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst. Bei Black Market kann eine Performance scheitern oder gelingen. Ich finde es spannend, dass man als Künstler nicht auf Nummer sicher geht. Wenn ein Dilettant übers Seil geht, möchte ich das nicht sehen. Ich habe Angst, er stürzte ab, weil er die Technik des Seiltanzes nicht beherrscht. Bei Black Market weiss ich: Die Teilnehmenden beherrschen die Technik.
Sie gelten als Vertreter einer Strömung, die aus dem Theater schöpft. Da viele Performance-Künstler aus der bildenden Kunst kommen, ist das nicht unumstritten.
Sagen wir mal so: Ich habe eine Berufsausbildung im Theaterwesen gemacht, habe aber schon in meinem ersten Engagement sehr mit dem Theater gehadert und meine eigenen Wege gesucht. Mir helfen die Techniken aus dem Theater bei der Durchführung meiner Performances, aber ich spiele trotzdem kein Theater: Ich bin ich selbst in der Performance. Aber ich berufe mich auf eine alte Theaterweisheit: Die Kunst des Performers besteht darin, das Publikum fühlen und denken zu machen, und nicht darin, in den eigenen Befindlichkeiten steckenzubleiben.





