Wie aktuell ist ein 2500-jähriger Text? In Sophokles’ Tragödie «Antigone» entbrennt nach dem Tod von König Ödipus zwischen dessen Söhnen Eteokles und Polyneikes ein Streit um das Königreich Theben. Im Kampf töten sich die beiden gegenseitig. Kreon (Markus Signer), der daraufhin an die Macht kommt, bezichtigt Polyneikes des Heimatverrates und verweigert ihm das Begräbnis. Damit verstösst er gegen die geltenden Sitten. Polyneikes Schwester Antigone (Julia Maurer) sieht es hingegen als ihre gottgewollte Pflicht, ihrem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Mit ihrer Tat stellt sie den Willen der Götter über denjenigen Kreons.
Immer wieder ein brisanter Stoff
«Vor 30 Jahren habe ich ‹Antigone› zum ersten Mal auf die Bühne gebracht», sagt Regisseur Michael Oberer. Wegen des Motivs der Auflehnung gegen das herrschende System sei das Stück damals in Zusammenhang mit der Roten-Armee-Fraktion in Deutschland sehr beliebt und auch brisant gewesen. Die Unruhen in Ägypten und Libyen hätten ihn wieder daran erinnert, erklärt er. In seinen Kernanliegen ist das Stück nach wie vor aktuell. Sophokles’ Worte behalten ihre Gültigkeit: «Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.»
Zeitlosigkeit und archaische Sprache
Das Bühnenbild im Tojo Theater in der Reitschule macht deutlich, dass Oberer das Stück explizit weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit verorten will. Der Künstler Giro Annen hat es für die Inszenierung konzipiert: Steine und Sand verweisen auf die Vergangenheit, Ölfässer und ein Graffito sind der Gegenwart entnommen. Insgesamt sind die Requisiten rar, die Kostüme schlicht gehalten.
Als Textvorlage dient Oberer Friedrich Hölderlins «Antigone»-Übersetzung aus dem Jahr 1804. «Es ist eine archaische, schwer verständliche Sprache», meint er dazu. Er hat daran bewusst keine Änderungen vorgenommen. «Das Stück soll Emotionen auslösen, ganz im Sinne des klassischen griechischen Theaters. Insofern ist mein Ansatz altmodisch», sagt Oberer. Mit dem Verzicht auf ironische Brechungen will er dem Publikum die Chance geben, in das Stück einzutauchen.
Emotionen, Tanz und Trommeln
Der Text allein reichte Oberer nicht aus, um sein Ziel zu erreichen, nämlich die «Emotionen zum Kochen zu bringen». Mit fein choreografierten Bewegungsabläufen werden auf der Bühne die inneren, nonverbalen Kämpfe der Protagonisten visualisiert. Oberer hat dafür den Choreografen Marcel Leemann hinzugezogen. Denn wenn etwa Antigone in Todesangst auf der Bühne hin- und hergeht und dabei immer wieder um den nächsten Schritt kämpft, überträgt sich ihre Anspannung auch auf die Zuschauer.
Einen weiteren wichtigen Beitrag zum Stück liefert die Perkussionistin Margrit Rieben. Immer wieder zieht sie die Zuschauer mit rhythmischem Trommelschlägen ins Stück hinein und stützt mal laut, mal leise die Handlungen der Schauspieler.





