Der Raum ist in ein feines Licht getaucht und wird von einer langsam anschwellenden, keltisch gefärbten Streichmusik erfüllt. Auf der Bühne, die dreiseitig durch einen grauen Vorhang abgeschlossen wird, haben sich dreizehn Tänzer eingefunden. Zwölf davon formen eine Gruppe, daneben steht ein Tänzer isoliert. Nach kurzem Innehalten bewegt sich der Ausgeschlossene auf einer geraden Linie auf den Menschenverband zu. Als er zu den anderen stösst, werfen diese ihre Oberkörper gegen den Boden, um sich sogleich wieder aufzurichten und die Formation aufzulösen. Die Frauen verteilen sich im Raum, während die Männer langsam einer nach dem anderen im Rückwärtsgang in einem Vorhangschlitz im Bühnengrund verschwinden. Nur einer bleibt regungslos zurück.
Sehen und Nichtgesehenwerden
Mit diesem Spiel des Zueinanderfindens, Erscheinens und Sichentziehens beginnt Erick Guillards Stück «Ultima Thule», das den dreiteiligen Tanzabend «V:dance everywhere» abschliesst. Mit dem Ballettensemble des Stadttheaters ist Guillard bestens vertraut: Bis Mitte 2011 war er selber vier Jahre lang -festes Mitglied der Kompanie und konnte bereits am letztjährigen «V:dance» mit «Liquidation» sein choreografisches -Talent unter Beweis stellen.
In «Ultima Thule» enführt Erick Guillard ans Ende der Welt. Sein Stück spielt auf der mythischen Insel Thule, am äussersten Rand Europas. «Zu diesem alten Norden gehören auch die frühzeitlichen, in Stein gemeisselten Runen, deren Formen ich in die Bewegungen habe einfliessen lassen», erklärt Erick Guillard. Als weiteres Motiv spielt das Fenster, hinter dem einer ungesehen nach aussen späht, eine Rolle. «Daraus ist das Prinzip des Sehens und Nichtgesehenwerdens sowie die Idee mit dem Vorhang als dramaturgischem Element entstanden», erklärt Guillard. Für die Erarbeitung der Choreografie besonders wichtig sei aber die Musik der beiden zeitgenössischen kanadischen Komponisten Derek Charke und Marcus Goddard gewesen: «Ich habe nach nordisch geprägten, emotionalen Stücken gesucht. Da bin ich auf diese kraftvolle Musik mit ihren vielen Brüchen gestossen, die sehr gut menschliche -Wärme und Kälte ausdrückt», so der Choreograf.
Zwei Uraufführungen und eine Premiere
Auch «Speakers» von Noa Zuk -basiert auf einer besonderen Verbindung von Musik und Bewegung. Zum ersten Mal arbeitet die Israelin mit dem BernBallett und hat ihr Stück eigens für «V:dance everywhere» konzipiert. Gemeinsam mit dem Komponisten Ohad Fishof hat sie eine Performance geschaffen, in der sich Tanz und Musik laufend gegenseitig abbilden und ergänzen. «Aus diesem Miteinander ergibt sich ein lustiges Wechselspiel, das ein bisschen an einen Comic erinnert», verrät die BernBallett-Chefchoreografin Cathy Marston, der die Gesamtleitung des Abends unterliegt.
Neben den beiden Uraufführungen von Erick Guillard und Noa Zuk haben die Tänzer des BernBallett auch «Digital Duende», ein Stück des Choreografen Jyrki Karttunen von 1998, neu einstudiert. Marston sah die Performance, als sie für das finnische Nationalballett in Helsinki eine Choreografie entwarf. «Mir gefiel der Kontrast zwischen der spanischen Musik und der vom trockenen, finnischen Humor geprägten Bewegungssprache. Ich hatte Lust, dieses Stück zu meinen Tänzern und dem Berner Publikum zu bringen», erklärt sie.
Gerade diese drei Stücke an einem Abend zusammen zu zeigen, sei eine instinktive Wahl gewesen. Jeder der drei Choreografen verfolge seinen ganz individuellen Stil und kontrastiere deshalb mit den anderen.





