Am Ende ist die Welt hüben wie drüben in Ordnung. In «Dr Zuchthüsler» von Markus Michel bekommt der zu Unrecht gescholtene Exsträfling René Tanner Recht. Die (zuvor scheltenden) Dorfbewohner offenbaren sich allesamt als geldgierige Windfahnen und kriegen ihr Fett ab. Die Parabel auf eine heuchlerische Gesellschaft, die den Sündenbock für alles Mögliche im Aussenseiter sucht, ist geglückt.
Das Publikum verdankt die gelungene Premiere mit viel Applaus. Es hat im Freilichttheater Moosegg einen Abend mit komischen und tragischen Momenten erlebt, mit Spannung, Irrungen und Wirrungen. In seiner 16. Produktion hat Regisseur Peter Leu 22 Amateurschauspielerinnen und -schauspieler zu einer überzeugenden Leistung geführt. Speziell laut wird geklatscht, als sich Hauptdarsteller Roland Zwygart verneigt, und nochmals bei Marco Steiner, der einen behinderten Jungen stilsicher dargestellt hat.
Ist er Vrenelis Mörder?
Doch nun von Beginn weg: Der Zuchthüsler René Tanner ist ins Dorf zurückgekehrt, das er einst überstürzt verlassen hatte, nachdem seine junge Freundin Änni schwanger geworden war. Nach seinem Verschwinden nahm sie sich das Leben. In Amerika musste Tanner eine lange Strafe absitzen. Er soll ein Brandstifter und Mörder sein, doch nachgewiesen werden konnte ihm nichts.
Einsam wohnt er in einer abgelegenen Hütte und erhält Besuch von der Frau vom Lebensmittelladen sowie von Maite, einem Teenager, der sich in Tanners Nähe wohl fühlt. Ist der kräftige Mann auch noch ein Triebtäter?
Neugierige Menschen aus dem Dorf streunen um sein Haus herum – besonders, als er plötzlich verdächtigt wird, etwas mit dem Verschwinden von Gretchen vom Veielihubel zu tun zu haben. Zwei dämliche Feuerwehrmänner tauchen auf, ein Polizeiduo ermittelt, und in der Dorfbeiz ist der Zuchthüsler Gesprächsthema Nummer eins.
Mit der Musik eines Thrillers
Auch wenn die Wendung am Schluss etwas absehbar ist – die Spannung bleibt. Dazu trägt zwischen den Szenen die Musik von Dany Nussbaumer bei, die an die Titelmusik der US-amerikanischen Killer-TV-Serie «Dexter» erinnert und dem Mundartkrimi einen regelrechten Thrilleranstrich gibt.
Einzelne Szenen sorgen im stimmungsvollen, von hohen Tannen gesäumten Spielort (Bühne: Ursula Steiner) regelrecht für Gänsehaut. Etwa wenn dem Tanner Ännis Geist erscheint und eine verzerrte Stimme auf sein Gewissen schlägt.
Der kauzige Zuchthüsler ist grob und abweisend, und doch schliesst man den Aussenseiter schnell ins Herz. Schliesslich löst sich die Geschichte und wird ins grosse Moralbad getunkt. Was uns vorher schon etwas subtiler verständlich gemacht wurde, wird nun in grossen theatralen Lettern verkündet: Die voreilige Verurteilung ist das Gift unserer Gesellschaft – egal ob ein einzelner Aussenseiter oder eine ganze Bevölkerungsgruppe davon betroffen ist.





