Das physikalische Gesetz der Entropie besagt, sehr vereinfacht, dass in einem geschlossenen System alles in schönster Ordnung beginnt und in grösstmöglicher Unordnung endet. Anders gesagt: Vor dem Urknall war das ganze Universum auf einen winzig kleinen Punkt konzentriert, seit dem Urknall breitet sich das Chaos mit immer grösserer Geschwindigkeit aus.
Nur einen kleinen Anteil am sich ausbreitenden Chaos hat der Mensch. Weil wir uns am nächsten sind, spüren wir den aber am deutlichsten. Ein Kabarettist wie Lorenz Keiser, dieser Spürhund im Dienst der Logik, bestreitet sogar seinen Lebensunterhalt damit, die unlogischen Zusammenhänge unseres Tuns blosszustellen. Ganz besonders im neuen Programm, «Big Bang».
«Während ich am Programm arbeitete, hatte ich einfach Lust zu fragen: Weshalb ist etwas so und woher kommt das?», erzählt Keiser im Gespräch. «Da kommt man schnell auf die lustigsten Zusammenhänge.» Und scheinbar auch vom Kleinen ins Grosse. «Big Bang» ist nämlich nicht weniger als die Geschichte der Erde vom Urknall bis ins Jahr 3000, «ein streng unchronologischer Abriss», wie der Zürcher warnt.
Lust an Publikumsbeteiligung
Dabei geht Keiser mit der Zeit, formal wie inhaltlich. Die Kunst der Publikumsbeteiligung, die im Kabarett des englischen Sprachraums schon lange gepflegt wird, erobert je länger, je mehr das satirische Bühnenschaffen im deutschen Sprachraum. Auch Keiser sagt, er habe diese live improvisierenden Kabarettisten immer bewundert. Nach und nach, mit jedem Programm ein wenig mehr, wagte er sich selbst an Abschnitte ohne festen Text. «Ich habe früher viel mehr das Gefühl gehabt, ich könne nicht improvisieren. Inzwischen habe ich eine gewisse Lust am direkten Kontakt mit dem Publikum entwickelt.» In «Big Bang» richte er schon in der ersten Minute eine Frage ans Publikum.
Im Sog des Zwielichts
Inhaltlich hingegen stellt sich das Problem, dass die Fronten heute oft unklar verlaufen. Er habe zwar nicht den Eindruck, seit dem Mauerfall sei es schwieriger geworden, Kabarett zu machen. «Es erfordert mehr Beweglichkeit und es gibt auch Angriffsziele auf der politisch linken Seite», sagt Keiser.
Hinterfrage man das jeweils behauptete Allgemeininteresse, stelle man oft fest, dass es sich mit seinen persönlichen Interessen nicht decke. Das mache er zum Thema und damit «können sich erfahrungsgemäss eine gewisse Anzahl Leute identifizieren.»
Als eine Art Sisyphos der Satire stemmte sich Keiser früher mit aller Macht und grossem Rechercheaufwand gegen die entropischen Kräfte der Unlogik. Sein Kabarett war eine Art angewandter Politjournalismus. Heute habe er «mehr als einen Teil, bei dem die Leute wirklich verunsichert sind, weil man nicht genau weiss, gegen wen der Angriff geht. Dieses Zwielicht finde ich je länger, je interessanter, weil es unsere Gesellschaft abbildet.» Den Gesetzen der Physik kann sich der Mensch halt nicht entziehen, oder, um es in den Worten Keisers zu sagen: «Am Ende weiss man alles nicht.»





