Der Richter und sein Henker
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Friedrich Dürrenmatt.
Veranstaltungsort
Stadttheater Bern
Kornhausplatz 20
3011 Bern
Die mit Holz ausgekleidete Bühne verströmt den Mief der 50er-Jahre, in dem Friederich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» spielt. Sechs Schauspieler in schwarzen Anzügen und krimitypischen Trenchcoats stehen in Reih und Glied da und erzählen von einem Mord. Soundeffekte von Michael Frei untermalen die Berichte. Mal hört man leises Schreibmaschinenrattern, mal schlägt eine Pendeluhr. Eine Patronenhülse, auf die Komissar Bärlach (Ernst C. Siegrist) rein zufällig gestossen ist, scheppert. Sie ist sein wichtigstes Beweisstück und soll ihm helfen, den Mord an einem jungen Kollegen zu lösen. Der Komissär, der von seinem Arzt erfahren hat, dass er bald sterben muss, ist die einzig konstante Figur in dieser Bühnenfassung des Dürrenmatt-Klassikers.
Hosenrollen und andere Travestie
Weitere fünf Schauspielerinnen (Mona Kloos, Heidi Maria Glössner) und Schauspieler (Philip Hagmann, Stefano Wenk, Jonathan Loosli) schlüpfen von Rolle zu Rolle, wobei Männer auch Frauen spielen und umgekehrt. Das ist typisch für Matthias Kaschig: Der 35-jährige deutsche Regisseur besetzte letztes Jahr «Parzival» mit einer Frau und liess 2010 in «Der goldene Drache», die Schauspieler so oft die Rollen wechseln, dass einem davon schwindelig werden konnte.
Auch «Der Richter und sein Henker» kommt bei ihm sehr eigenwillig daher. Das liegt aber auch an der Geschichte selbst. «Trotz ihres grossen Bekanntheitsgrades kann kaum jemand die Geschichte nacherzählen», sagt Dramaturigin Karla Mäder nach einer Probe. Dürrenmatt habe sich einen so fantastisch komponierten Plot ausgedacht, dass man ihn sich kaum merken könne.
Akten bis zur Stadttheater-Decke
Wie fast immer bei Dürrenmatt geht es um Verbrechen und Moral. Bärlach, der weiss, dass er nicht mehr lange zu leben hat, will noch rechtzeitig den Mord an seinem Kollegen aufklären. Doch seine Vorgesetzten versuchen die Ermittlungen von seinem Hauptverdächtigen, Gastmann, wegzulenken. Offensichtlich gibt es -etwas zu vertuschen. Bärlach ist besessen davon, Gastmann hinter Schloss und Riegel zu bringen, und initiiert am Ende gar selbst einen Mord. Bärlachs paranoide Züge werden im Stadttheater mit kafkaesken Aktenschränken sichtbar gemacht, in denen sich Dokumente bis zur Decke stapeln (Bühne: Stefan Mayer).
Der Roman kommt erst zum zweiten Mal in der Schweiz auf die Bühne. Das Stadttheater hofft nun mit einer Geschichte, die in Bern spielt, das Berner Publikum besonders gut zu erreichen. Die Inszenierung kommt aber weder behäbig noch langsam daher, sondern hat Rhythmus und ist ziemlich schräg.





