«Lucia di Lammermoor» gehört zu den meistgespielten und -aufgenommenen Opern der Literatur. Nur: Weshalb ist das Werk so beliebt, dass es immer wieder die Theaterhäuser füllt? Vielleicht weil Gaetano Donizetti (1791–1848) ein Werk geschaffen hat, das zwar auf einer dramatischen Geschichte beruht, sich aber in erster Linie an die Musikliebhaber richtet.
Als Basis nutzte Donizetti den Roman «Die Braut von Lammermoor» seines äusserst populären Zeitgenossen Sir Walter Scott («Ivanhoe»). Die Geschichte ist handlungsreich und der Ausgang dramatisch: Lucia, aus der Familie der Ashtons, und Edguardo, ein Sprössling der verfeindeten Ravenwoods, verlieben sich ineinander. Lucias Bruder Enrico will die Liaison der Schwester mit seinem Erzfeind verhindern. Er setzt sie unter Druck und bringt sie schliesslich dazu, Arturo zu heiraten. Noch in der Hochzeitsnacht ermordet Lucia ihren Gemahl.
Bei Donizetti tritt die Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, allerdings in den Hintergrund. Viel wichtiger war dem Komponisten der Ausdruck der Emotionen seiner Protagonisten. Den Höhepunkt bildet dabei die berühmte Wahnsinnsarie «Il dolce suono» im dritten Akt: Lucia erscheint blutüberströmt an der Hochzeitsfeier und erlebt in Gedanken ihre Trauung mit Edguardo.
Verzicht auf pittoreske Schlösser
«Lucia di Lammermoor bietet eine dichte musikalische Atmosphäre», betont denn auch Regisseur Kay Kuntze an der Kostprobe im Stadttheater. «Dafür ein Bild zu entwickeln, ist sehr spannend und lässt der Fantasie viel Raum.» Die Schaueroper böte Stoff für ein pittoreskes Bühnenbild. Doch Kuntze, der zum ersten Mal in Bern Regie führt, fände es falsch, einfach ein Schloss auf die Bühne zu stellen: «Es ist viel interessanter, die Welt zu sehen, in die sich Lucia begibt.»
Zusammen mit dem Bühnenbildner Duncan Hayler hat sich Kuntze für ein zeitloses Bühnenbild entschieden, dessen Elemente keine illustrative, sondern eine assoziative Funktion haben. Durch eine an Seilen aufgehängte Zwischenbühne werden mehrere erzählerische Ebenen abgedeckt. «Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, die dem Erlebnisraum der Figuren entspricht», sagt Kuntze. Der Einsatz von Licht hilft dabei, die Seelenlandschaften der Figuren zu untermalen.
Ein grosser Sopran zwischen zwei Männern
Auch Srboljub Dinic´, der musikalische Leiter, sieht sich bei der Aufführung von «Lucia di Lammermoor» mit einer grossen Herausforderung konfrontiert, «gerade weil das Orchester zurückhaltend spielen muss», erklärt er. Gleichzeitig betont er aber, dass sich das Stadttheater von der Grösse her hervorragend für eine Belcanto-Oper eigne.
Für die Hautprolle, die ein grosses musikalisches Ausdrucksspektrum verlangt, hat das Stadttheater Bern die Sopranistin Silvia Dalla Benetta verpflichtet. Die Italienerin hat die Rolle bereits mehrmals in Deutschland und Italien gesungen. Als Edguardo treten abwechslungsweise Hoyoon Chung und Giacomo Patti auf, und Robin Adams singt den Enrico.





