
Mord und Totschlag. Eine Ausstellung über das Leben
Die Ausstellung beleuchtet das Phänomen Gewaltverbrechen in seiner historischen und aktuellen Dimension.
Veranstaltungsort
Bernisches Historisches Museum
Helvetiaplatz 5
3005 Bern
Tel 031 350 77 11
Fax 031 350 77 99
Wir sind umgeben von «Mord und Totschlag», wie die grosse Sonderschau im Historischen Museum heisst. Zumindest virtuell. Die Zeitungen sind voller Meldungen von den Kriegsschauplätzen, Kriminalromane sind beliebt wie frische Weggli, und der «Tatort» ist für viele ein Fixpunkt im Wochenkalender. Was aber ist ein Menschenleben wert? Die entscheidende Frage hat in der Unterhaltungsschlachterei kaum Platz.
In rund zwölf Stationen regt die Ausstellung zum Nachdenken an. Das tut sie nicht sensationslüstern, sondern vom merkwürdigen Widerspruch her, dass der Mensch das zentrale Gebot «Du sollst nicht töten» so oft bricht. Und gelegentlich liefert sie auch Antworten nach dem Wert des Lebens. Die erste, nicht ganz ernst gemeinte, lautet: 810 Franken. So viel kosten die chemischen Stoffe, aus denen 70 Kilo Mensch bestehen, in der Apotheke. Siedfleisch ist teurer.
13 Joule zwischen Unfall und Mord
Eine andere Antwort lautet: 200000 Dollar. Als Ford in den Siebzigern ein Automobil mit schadhaftem Tank auf den Markt brachte, überlegte sich die Firma eine Rückrufaktion. Die wäre aber teurer geworden als die 200000 Dollar Entschädigung, die man pro Opfer rechnen musste. Heutige Haftpflichtversicherungen für Privatper-so-nen decken oft fünf Millionen Franken ab.
Die letzte Summe entspricht schon eher dem Aufwand, den unsere Gesellschaft mitunter betreibt, um Täter zu überführen. In einem Workshop im Begleitprogramm von «Mord und Totschlag» erklärt etwa Professor Beat Kneubühl, wie mit Hilfe von Physik tödliche Verletzungen nachvollzogen werden. Der Wundballistiker der Universität Bern ist europaweit einer der Pioniere und führenden Experten dieser Disziplin.
So musste er beispielsweise mit Hilfe eines Gelatineblocks schon beweisen: Eine unglücklich herumfliegende Scherbe Bruchglas schneidet einem Menschen die Kehle nicht zehn Zentimeter tief auf. Dazu braucht sie die Kraft eines absichtlichen Stosses, also mindestens 13 Joule Energie mehr.
Der moralisch gute Mord?
Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Aufklärung im Einzelfall wirkt hingegen fast pingelig, verglichen mit der Nonchalance, mit der wir in «gerechten» Kriegen töten. Dabei ist es auch dort nur eine feine Grenze, die den ausgezeichneten Kriegshelden vom verrohten Kriegsverbrecher trennt. Es ist eine Stärke von «Mord und Totschlag», die Besucher mit immer neuen Widersprüchen zu konfrontieren und vermeintlich Selbstverständliches in Frage zu stellen. Der Schweizer Staatsmythos etwa beruht auf der Ermordung Gesslers – doch der Tyrannenmord gilt in vielen Fällen als moralisch legitimiert. Man denke nur an den Tod Gaddafis.
Am Schluss der Ausstellung kann man sich selbst die Frage stellen, wofür man töten würde. Acht mögliche Gründe stehen zur Auswahl, einer schwingt obenaus. Welcher das ist, sei hier nicht verraten. Stattdessen, dass die Ausstellung aufwühlt. Besucherinnen und Besucher können ihre Gedanken auf Notizzetteln hinterlassen, und die Sätze mit den vielen Fragezeichen zeugen von der Fassungslosigkeit, die «Mord und Totschlag» auslöst. Ein einfaches Abschalten wie nach dem «Tatort» gibt es hier nicht – obwohl weniger Blut zu sehen ist als in den meisten Folgen der Sonntagabendserie.




