In einem Bilderrahmen hängen drei Landkarten. Sie sind zu Mädchenkleidern gefaltet. Eine Karte zeigt den indischen Subkontinent, eine andere Ostafrika und eine dritte Europa. Die Arbeit «Untitled (A Sketch)» steht am Anfang der Ausstellung von Zarina Bhimji im Kunstmuseum Bern. Sie ist sinnbildlich für das Leben der 49-jährigen Foto- und Videokünstlerin: Bhimji hat indische Wurzeln, verbrachte ihre Kindheit in Uganda und absolvierte ihre Kunstausbildung in England.
Die Biografie ihrer Familie ist zentral in ihrer Kunst. Briten brachten Bhimjis Vorfahren um 1900 von Indien nach Uganda. Dort mussten sie mithelfen, die Eisenbahn aufzubauen. 1963, ein Jahr nach der Unabhängigkeit Ugandas, kam die Künstlerin zur Welt. 1972 wurde die gesamte indischstämmige Bevölkerung von Diktator Idi Amin vertrieben. 1974 fand Bhimjis Familie in Grossbritannien Zuflucht.
Die Biografie der Künstlerin ist nicht in erster Linie wegen des historischen Dramas wichtig, sondern weil sich die kulturellen Identitäten der drei Regionen wie ein roter Faden durch ihr Werk ziehen. Bhimji schlüpft in verschiedene Kleider und richtet dabei den Blick auf das Machtgefüge der Kulturen.
Sorgfältige Spurensuche
2002 realisierte sie für die Documenta 11 in Kassel ihre erste grosse Filminstallation «Out of Blue» («Aus heiterem Himmel»), für die sie mehrere Reisen nach Uganda unternahm. Die Arbeit, die auch in Bern zu sehen ist, besteht aus einer Aneinanderreihung ästhetisch ansprechender Bilder, die einer assoziativen Dramaturgie folgt. Die Aufnahmen zeigen bedeutungsvolle historische Schauplätze in ihrer heutigen, unspektakulären Erscheinung. Einzig die Tonspur lässt erahnen, dass eine Verbindung zum traurigen Schicksal der Inder in Uganda besteht. Zu hören sind Radioansprachen aus der Zeit von Bhimjis Kindheit.
«Out of Blue» wird durch die Fotoserie «Love» ergänzt. Sie zeigt 45 Aufnahmen, die während der Recherche in Uganda entstanden. Es sind verlassene Gebäude und Landschaften in der distanzierten Sicht, die für die Künstlerin typisch ist.
Platz für die eigene Sicht
Bhimji möchte mit ihren Arbeiten die Geschichte mit dem Blick derjenigen ergänzen, die keine Stimme haben. Der «weisse Blick» der Kunstgeschichte soll nicht der einzige bleiben.
Ihre Fotografien und Filmaufnahmen sind menschenleer. Sie lässt es dem Betrachter offen, seinen eigenen Platz in ihrer Geschichte zu finden. Zugleich verzichtet sie damit auf einseitige Anklagen. Und das macht eine grosse Qualität ihrer Arbeit aus.
Erste Retrospektive der Künstlerin
Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern ist die erste Retrospektive der Künstlerin. Kuratorin Kathleen Bühler hat sie in Zusammenarbeit mit der Whitechapel Gallery in London organisiert, wo sie bereits im Frühling gezeigt wurde. Sie hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern will vielmehr wichtige Stationen in Bhimjis Werk beleuchten.





