Man kennt das Phänomen aus Museumsbesuchen. Steht man vor einem abstrakten Gemälde, beginnt man unwillkürlich nach Figuren und Geschichten zu suchen, die sich darin verstecken könnten. Das geht einem beim Werk Sean Scullys (*1949) nicht anders. Der Ire malt ausschliesslich geometrische Formen, Streifen, Gitter, Schachbretter in immer neuen Variationen.
Trotzdem stechen die Bilder durch ihre tiefe Menschlichkeit heraus. Ähnlich wie bei guter Dichtung nutzt Scully die Abstraktion, um einen Inhalt mit dem Pinsel auf seinen Kern zu verdichten. Entsprechend offen kommuniziert der Maler sein Werk – und legt es geradezu darauf an, Assoziationen zu wecken.
Maler mit Mission
Sie sei eine Mischung aus «Matisse, Mondrian und Rothko» sagte er etwa schon über seine Malerei. Den Mut zu so viel Klarheit haben nicht viele. Für Scully hingegen scheint sie Grundlage seiner Arbeit zu sein. Es sei seine Mission, die abstrakte Malerei so expressiv zu gestalten wie die figürliche, sagte er in einem Interview mit der «Financial Times». Damit macht sich Scully so nah- und nachvollziehbar wie wenig andere im zeitgenössischen Kunstbetrieb.
Zarte Monumente
Diese Offenheit hat Kuratorin Annick Haldemann nahtlos weitergezogen. Zu jedem Bild in der geschickt komponierten Retrospektive findet sich ein Zitat des Malers. Im Katalog zur Ausstellung setzt sie bewusst auf eine leicht verständliche Sprache. «Ich möchte das Publikum an der Hand nehmen und es zu den Bildern hinführen», sagt sie. Es ist keine leere Versprechung.
Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt auch an der Qualität der Malerei. Sie ist handwerklich mit allen Wassern gewaschen, holt ihre Menschlichkeit aber aus dem Spannungsfeld der Farben, aus dem Vibrieren des Pinselstrichs, der herausfordernden Schönheit vermeintlicher «Fehler» und einer berührenden Zartheit auf monumentalen Flächen. Auf einem höheren Niveau wird man kaum mehr einen so einfachen Einstieg in die abstrakte Malerei finden.





