Am Anfang der Schau steht ein kleines Gemälde. Darauf sind die heilige Maria und drei Jungfrauen beim Spinnen und Weben in einem Sakralraum zu sehen. Im Hintergrund ist ein zweiter Raum abgebildet. Darin kniet Maria neben einem Altar, auf dem ein kostbares Tuch ausgebreitet liegt.
Das Bild hilft in zweierlei Hinsicht beim Eintauchen in die Welt mittelalterlicher Textilkunst. «Es zeigt die einzige Innenansicht eines Sakralraumes der ganzen Ausstellung», sagt Kuratorin Evelin Wetter. Gerade in den modernen Räumen des neu gestalteten Museums der Abegg-Stiftung nimmt man die Gedankenstütze gern an. «Zudem kann das Tuch auf dem Altar im Hintergrund den sogenannten Ornamenta zugeordnet werden», erklärt Wetter weiter. Darunter verstand man im Mittelalter alle beweglichen Schmuck- und Ausstattungselemente der Kirche.
Durch die verhältnismässig leichte Handhabung war es möglich, Altar- oder Wandbehänge sowie Gewänder den jeweiligen Festen des Kirchenjahrs anzupassen. Die Spanne der ausgestellten Objekte ist entsprechend breit: Neben Altartextilien sind es Gewänder, eine Tapisserie und eine bemalte Fahne, aber auch einige nichttextile Stücke. Entstanden sind die Exponate in ganz Europa und datieren vom Ende des 12. bis Mitte des 16. Jahrhunderts.
Ziborum aus Hildesheim zu Gast
Mit einer Ausnahme stammen alle Stücke aus der eigenen Sammlung. Diese einzige Leihgabe des Kölner Museums Schnütgen bildet ein Kernstück der Ausstellung. Es handelt sich um ein Ziborium aus Hildesheim, ein geschmücktes Gefäss, in dem die geweihten Hostien aufbewahrt wurden. Es ist reich verziert mit zahllosen Fluss- und Glasperlen, Korallen und Metallapplikationen. Das einzigartige Objekt wurde der Abegg-Stiftung zur Konservierung anvertraut und erstrahlt nun im Rahmen der Sonderausstellung in neuem Glanz.
Eingriffe aus unterschiedlichen Motiven
Wie das Ziborium sind viele der Objekte ausgesprochen fein und detailreich gearbeitet. Wer sich in die Bildinhalte vertieft, wird entdecken, wie lebensnah die Arbeiten sind. Teils lassen sich aber auch Unstimmigkeiten feststellen. «Das ist charakteristisch für Stücke, die im 19. Jahrhundert in den Kunsthandel gelangt sind. Man hat sie einfach abgeändert oder komplettiert», erklärt Wetter diese Beobachtung. Man wollte die Objekte wie Bilder an die Wand hängen und hat zu diesem Zweck etwa die kirchlichen Gewänder in einen vorderen und einen hinteren Teil getrennt.
Doch bei Weitem nicht alle Eingriffe sind auf das 19. Jahrhundert zurückzuführen. Denn genauso schnell, wie die textilen Objekte ausgetauscht werden konnten, war es möglich, sie abzuändern und neuen Anforderungen anzupassen: Verlangte die Mode oder ein veränderter Ritus ein kürzeres Gewand, wurde kurzum ein Stück davon abgetrennt.





