Aus allen Richtungen schauen die Gesichter aus den Gemälden von Antonio Saura (1930–1998) auf die Museumsbesucher herab. Es sind die Frauen aus dem Zyklus «Vertikale Damen» oder die eng aneinandergerückten Gesichter aus der Serie «Menschenmengen». Sauras Gemäldezyklen sind teils humorvoll, teils beklemmend. Allen gemein ist der unverkennbare Stil des Spaniers, ein wahres Staccato aus kurzen und kräftigen Pinselstrichen.
Obwohl man Saura neben Pablo Picasso und Juan Miró zu den wichtigsten spanischen Malern des 20. Jahrhunderts zählen darf, ist er in der Schweiz bisher wenig bekannt. Die Retrospektive im Kunstmuseum Bern erlaubt erstmals einen umfangreichen Werküberblick. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Stiftung archives antonio saura in Genf. Konzipiert haben sie der freie Kurator Cäsar Menz und Olivier Weber-Caflisch von der Saura-Stiftung.
Vielfältiges Referenzsystem
Als Jugendlicher litt Saura an Knochentuberkulose und musste jahrelang das Bett hüten. Die langen Stunden hat er erst mit dem Lesen von Büchern, später mit Schreiben und Malen verbracht. Die Einflüsse von Künstlern wie Miró, Man Ray oder den Surrealisten sind in den frühen Arbeiten augenfällig. 1955 löste sich Saura von den Surrealisten. Inspiriert von Künstlern des abstrakten Expressionismus wie Willem De Kooning, entwickelte er fortan seine Zyklen. Darin finden sich zahlreiche Kommentare zu Werken alter Meister wie Matthias Grünewald oder Francisco de Goya und der klassischen Moderne wie Edvard Munch oder Picasso.
Neben dem umfangreichen Einblick ins malerische Schaffen wartet das Kunstmuseum auch mit zwei Premieren auf. Die Eisenplastiken aus den 60er-Jahren sind zum ersten Mal in einer Museumsausstellung zu sehen. Und Sauras umfangreiche Schriften wurden unter dem Titel «Antonio Saura: Über sich selbst» übersetzt und publiziert.
Christine Nöstlingers «Pinocchio»
Drei Jahre vor seinem Tod wagte der Künstler den Sprung in ein neues Gebiet: Er übernahm die Illustration von Christine Nöstlingers deutscher Neufassung des «Pinocchio». Die Herausforderung bestand darin, seinen ganz eigenen Malstil mit den Ansprüchen der Kinderbuchillustration zu verbinden. Diese nach einigem Ringen entstandenen Zeichnungen sind im Kunstmusem in einem separaten Raum ausgestellt.





