
Warnung: Kommunizieren gefährdet.
Risiken und Nebenwirkungen: Allzu viel ist ungesund...
Veranstaltungsort
Museum für Kommunikation
Helvetiastrasse 16
3005 Bern
Tel 031 357 55 55
Fax 031 331 11 52
Der Eingangsbereich erinnert mit den fast bis zur Decke mit Büchern vollgestopften Regalen an eine Bibliothek: Die Installation mit ihren 12 000 Schmökern verweist auf die Informationsmenge, die jeder Mensch pro Tag zu bewältigen hätte, wollte man die gesamte, täglich neu generierte Menge an Information verarbeiten. Wird man sich dessen bewusst und hat diese Tatsache visuell direkt fassbar vor sich, macht sich neben einer gewissen Faszination vor allem ein Gefühl der Beklemmung breit.
Individuell zugeschnittene Wellness-Pakete
Genau an diesem Punkt wird der Besucher der neuen Wechselausstellung «Warnung: Kommunizieren gefährdet.» abgeholt. Im Foyer der «Klinik für Kommunikation» wird man per Bildschirm von Sana van Belkom, der fiktiven Gründerin und Direktorin der Wellness-Oase im Museum für Kommunikation, begrüsst. Die hübsche junge Frau wendet sich mit verständnisvollen Fragen zum Wohlbefinden an ihr Gegenüber und hat natürlich auch schon eine Lösung für das Problem der Reizüberflutung parat. Auf dem Weg zur Besserung schlägt sie als ersten Schritt einen Check-up zum Eruieren des Persönlichen Kommunikationsindexes (PKI) vor. Per Touchscreen beantwortet der Besucher zwanzig Fragen zu seinem Kommunikationsverhalten, die das Museum für Kommunikation zusammen mit dem Soziologischen Institut der Universität Bern zusammengestellt hat. Am Schalter wartet dann eine «Kommunikationstrainerin» aus Fleisch und Blut, welche das resultierende Kommunikationsprofil kurz erklärt. Je nach Ergebnis wird der «Patient» auf eine grüne, pinke, orange oder gelbe Türe verwiesen, wo spezifische Entspannungsprogramme warten. Nach der Streicheleinheit für den vom Alltag so malträtierten Geist finden sich alle Teilnehmenden in einem leuchtgrün gestrichenen Raum wieder. Unter dem Label «Beratung» wird hier an verschiedenen Stationen zu interaktiven Tests und partizipativen Spielen aufgefordert sowie mit Informationen zum richtigen Kommunikationsverhalten aufgewartet.
Eine Frage des Filterns
Ulrich Schenk, Kurator der Ausstellung, umschreibt das Problem der heutigen Informationsflut und des daraus folgenden Gefühls der Überforderung mit den Worten des amerikanischen Kommunikationsspezialisten Clay Shir-ky: «It's Not Information Overload. It's Filter Failure» (sinngemäss: «Nicht das Zuviel an Information ist das Problem, sondern wie gefiltert wird»). Auf das eigene Kommunikationsverhalten sensibilisiert zu werden und einen entspannteren Umgang damit zu entwickeln, sei denn auch das Ziel der Wechselausstellung, so Schenk. Das gibt natürlich Hoffnung. Versprochen werden individuell zugeschnittene Lösungen im Kampf gegen das gestörte Kommunizieren eines fast jeden Menschen in der westlichen Welt.
Eine Schachtel «Comucaïne» zur Genesung
Als Besucher ist man nach dem aufwendigen Check-up und dem kurzen Entspannungspäuschen im Wellness-Raum etwas erstaunt, dass die persönliche Betreuung schon vorbei ist. Zwar kann man sich im Hauptraum der Ausstellung viele gute Ratschläge holen und am Ausgang aus einem alten Zigarettenautomaten eine Schachtel «Comucaïne» ziehen, in der sich in Form eines Beipackzettels nochmals gute Tipps rund um die «gesunde» Kommunikation für zu Hause befinden. Doch selbst wenn man sich bei Kommunikationsschwierigkeiten jederzeit bei Sana von Belkom per Facebook melden kann, bleibt ein kleines Gefühl der Enttäuschung. Auf dem Rundgang, der zwar Spass macht und zum Denken anregt, erfährt man als Erwachsener ausser ein paar überwältigenden Fakten nicht wirklich viel Neues. Möglicherweise ärgert man sich am Schluss auch ein bisschen darüber, dass sich die Lösung des Problems scheinbar in einer Medikamentenschachtel verbirgt.




