Die Porträtaufnahme von Son Tran Van ist monumental. Zwei Meter breit und anderthalb Meter hoch, gibt das Bild jedes Detail des Gesichts preis. Schweisstropfen und Furchen zeugen von harter Arbeit. Die Aufnahme ist gestochen scharf, der Hintergrund neutral weiss gehalten. Über Son Tran Van erfährt man lediglich, dass er aus Cat Lai in Viet-nam stammt. Fotografiert hat ihn der Schweizer Marco Grob.
Das Bild ist in der Ausstellung «Indust-rious» im Kunstmuseum Bern zu sehen. Es gehört zu einer Serie Porträts von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Grobs Arbeiten stehen Aufnahmen von Industrieanlagen gegenüber. Ebenso präzise, aber meist menschenleer, zeigen sie Zementproduktionsstätten in aller Welt. Sie stammen vom Berliner Fotografenduo David Hiepler und Fritz Brunier.
«Kein gewöhnliches Ausstellungsprojekt»
Sämtliche Aufnahmen sind im Rahmen eines Auftrages der Firma Holcim entstanden. Der Baustoffhersteller feiert dieses Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum. Aus diesem Anlass hat seine Geschäftsleitung den Porträtfotografen Grob und das Fotografenduo Hiepler/Brunier damit beauftragt, die weltweiten Produktionsstätten zu dokumentieren. In der Ausführung waren die Fotografen frei – einzige Bedingung war schwarzweiss – und sie erhielten uneingeschränkten Zugang zu den Fabriken. Entstanden ist eine bildreiche Publikation, die allen rund 80 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Holcim übergeben wird.
«Die Ausstellung ist kein gewöhnliches Projekt für ein Kunstmuseum», sagt Kuratorin Regula Berger, die «Industrious» gemeinsam mit dem Museumsdirektor Matthias Frehner realisiert hat. Das Material der Jubiläumspublikation diente als Ausgangslage. Und doch sei die Ausstellung als eigenständiges Kunstprojekt zu verstehen. «Natürlich handelt es sich um Aufnahmen von Produktionsstätten und von Mitarbeitenden eines einzigen Konzerns. Zentral ist aber insbesondere die Verbindung der Menschen untereinander durch ihre Arbeit. Und die wiederum ist unabhängig von einem spezifischen Arbeitgeber», ergänzt Berger.
Grob und Hiepler/Brunier haben für das Projekt sehr unterschiedlich gearbeitet. Grob fotografierte mit einer Handkamera. Seine schnelle Arbeitsweise erlaubten den Modellen kein Posieren. Entstanden sind ungestellte Aufnahmen von vollkommen unterschiedlichen Menschen. Der Fokus auf das Gesicht und der neutrale Hintergrund lassen viel Interpretationsspielraum. Hiepler/Brunier hingegen haben ihre Standorte sorgfältig ausgewählt und mit Stativ gearbeitet. Die Aufnahmen sind unbearbeitet, auch wenn sie bisweilen fast steril und künstlich erscheinen.
Und genau diese Gegenüberstellung der Fotografien erzeugt grosse Spannung: Es bleibt Sache des Betrachters, sich Son Tran Van und seine 80 000 Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit vorzustellen.





