Freudig kratzt Raphael T. Rigassi die blauen Klebstreifen vom Deckglas des grossformatigen Bildes, das an die anthrazitfarbene Längswand des Ausstellungsraumes gelehnt ist. Der Galerist kann es kaum erwarten, dass Balthasar Burkhards «Falkenflügel» von 1993 in seiner ganzen Pracht in Erscheinung tritt. Die Fotografie zeigt die leicht angewinkelte Schwinge eines Falken in ungewohnter Untersicht. Durch die starke Vergrösserung des Bildausschnittes, die Grauabstufungen und die Licht- und Schatteneffekte wirkt das Gefieder fast skulptural. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht steht Rigassi vor dem Werk des Berner Fotografen und meint zufrieden: «Macht so etwas nicht Freude?»
Die Leidenschaft bestimmt das Programm
«Falkenflügel» ist eines der Werke, die in der Ausstellung «Rigassi-Reloaded» vom 19. Oktober bis am 19. November an der Münstergasse 62 in Bern zu sehen sein werden. Diese Schau läutet die achtteilige Ausstellungsreihe ein, in der Gründer und Inhaber Raphael T. Rigassi auf seine 20-jährige Tätigkeit als Galerist zurückblickt. In «Rigassi-Reloaded» werden Arbeiten derjenigen Künstler gezeigt, die bereits an der ersten Ausstellung der Galerie vertreten waren.
Eingestiegen in den Kunsthandel ist Rigassi Anfang der 90er-Jahre damals mit ein paar der grössten Namen der internationalen Szene: Joseph Beuys, Georg Baselitz, Martin Disler, Richard Serra oder Antoni Tàpies. Durch seine frühere Karriere als internationaler Starfriseur lernte er in den 60er-Jahren viele aufstrebende Künstler kennen, zu denen er stets regen Kontakt pflegte. In seinen Salons hingen keine Frisurenfotos, sondern abstrakte Bilder an den Wänden. Als der angehende Galerist seinem Freund Arnulf Rainer das Vorhaben mitteilte, meinte dieser aufgrund der schwierigen allgemeinen wirtschaftlichen Lage damals nur: «Bist De bled?»
Oberstes Gebot des Kunsthändlers war stets, auszustellen, was ihm selber gefällt. So bietet die Galerie neben etablierten internationalen und Schweizer Künstlern auch jüngeren, noch unbekannten Kunstschaffenden eine Plattform. Rigassi, der auch Werke der Aboriginal Art oder Malereien der chinesischen Zhou Brothers in die Schweizer Hauptstadt gebracht hat, gilt in Bern mittlerweile als Pionier in der Vermittlung von aussereuropäischen Positionen.
Kunst als Mittel zur Kommunikation
Den passionierten Galeristen, der früher Filmstars wie Liz Taylor, Claudia Cardinale oder Romy Schneider die Haare schnitt, fasziniert Kunst, die aus einem Drang heraus entsteht, sich von einem inneren Zustand zu befreien. «Zwischen Werk und Betrachter muss ein Dialog entstehen, Kunst muss etwas in uns auslösen und uns eine Emotion spüren lassen», sagt er. Auch das Vorbereiten von Ausstellungen hat für ihn etwas sehr Organisches, das immer nach dem gleichen Muster abläuft. Die Idee vergleicht er mit dem Akt der Zeugung, der Prozess des Konzipierens ist für ihn wie eine Schwangerschaft und die Vernissage schliesslich die Geburt.
Rigassi beweist nicht nur in der Auswahl seiner Kunst, sondern auch für deren Vermittlung viel Engagement. 2008 hat er den hochdotierten «R & R»-Preis für junge Kunstjournalisten mit ins Leben gerufen, welcher Nachwuchskunstkritiker in ihrer eigenständigen Weiterentwicklung unterstützen, den Kunstdiskurs anregen sowie die Position der bildenden Kunst in den Medien stärken soll.





