Plädoyer
gegen fixe Ideen
«L’idée fixe» ist so ziemlich das Einzige aus dem Mittelschul-Französischunterricht, das bei mir hängen geblieben ist. Unsere Lehrerin war geradezu besessen von der fixen Idee, also der unumstösslichen Vorstellung, wie etwas sein soll. Bei der Molière-Lektüre war der Begriff omnipräsent, in der Diskussion von zeitgeschichtlichen Fragen sowieso. Die «idée fixe» war quasi die fixe Idee unserer Franzlehrerin. Mit der Zeit nervte das gewaltig, aber Lehrerin Wehaiba hatte tatsächlich recht. Die fixen Ideen sind nicht nur ein Motiv in der Weltliteratur (auch im Comic: Sie gaben dem Hund von Obelix den Namen), sondern auch ein Weltübel. Sie schränken uns im Denken ein und verhindern clevere Lösungen.
Doch wie funktioniert eine fixe Idee? Das Beispiel «Es geht nicht ohne Atomstrom» kann die Konjunktur einer fixen Idee einfach aufzeigen: Erst lässt man sich um keinen Preis von einer Position abbringen, dann zwingen einen äussere Umstände doch dazu, und schliesslich folgt die Einsicht, dass die Alternative zwar (mühselige) Veränderungen, aber auch Vorteile mit sich ziehen kann. Die Krux: Eine fixe Idee gibt sich oft erst zu erkennen, wenn sie schon verloren ist, denn sie ist die pathologische Überhöhung einer Tugend, der Hartnäckigkeit. Es ist nichts dagegen einzuwenden, seine Haltung überzeugt zu vertreten. Problematisch wird es erst, wenn man sich auf eine Ansicht versteift und dabei jegliches rationale Denken auf der Strecke bleibt. Gar absurd wird es, wenn eine «idée fixe» durch eine andere «idée fixe» abgelöst wird. Zum Beispiel, wenn man die Haltung «Es geht nicht ohne Atomstrom» durch «Es hat zu viele Ausländer» ersetzt.
Der Hund Idefix liegt wohl in der Veränderung begraben, in der Skepsis vor dem Neuen. Eine Veränderung hat auch die Redaktion der Berner Kulturagenda erfahren: Wir mussten aus dem geliebten Progr mitten in der Stadt ausziehen und in Wabern neue Büroräume beziehen. Erst hatten wir uns hartnäckig gegen entsprechende Pläne gewehrt, schliesslich lagen wir im Künstlerhaus am Puls der Kultur. Doch dann war der Umzug nicht mehr abzuwenden, denn es ging um Geld, und Geld ist immer ein Argument. Nun haben wir uns in den neuen Räumen in der Vorstadt eingerichtet und merken: Es ist fantastisch ruhig hier! Wir haben Platz! Wir haben eine wunderbare Aussicht auf die Berner Alpen! Vielleicht war es auch bloss eine «idée fixe», dass wir nur im Progr glücklich bleiben können?
Jedenfalls haben wir eine neue Adresse:
Berner Kulturagenda
Seftigenstrasse 310
Postfach 357
3084 Wabern
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