Plädoyer
fürs Quartier
Lohnt es sich eigentlich, auf (s)ein Quartier stolz zu sein? Bestehen die alten, verlässlichen Zuordnungen gewisser Räume zu gewissen Schichten noch? Können wir ein Heimatgefühl wirklich auf ein paar kurze Strassenzüge reduzieren? Oder besteht die Schweiz inzwischen nicht insgesamt aus vielen Vierteln, aus denen jeden Morgen Hunderttausende in ein anderes Viertel zur Arbeit pendeln?
Im Prinzip ist das natürlich so. Die Berner Innensicht sieht aber ganz anders aus. Als ich zugezogener Schnösel vor einigen Jahren hierher dislozierte, habe ich gelernt, dass es nur eine Sache gibt, die den Bernern richtig am Herzen liegt: das Nachdenken über Bern. Und dazu gehört nicht nur, die Eigenarten in der allerschönsten Stadt des Universums zu reflektieren (Aare, Dialekt, Bären, Langsamkeit, Viel-entspannter-Sein-als-Zürich), sondern auch, Untereigenarten zu definieren.
Das könnte ungefähr so tönen: Auf der In/Out-Skala bleibt das Breitenrainquartier auf der Seite In, getoppt nur vom Lorrainequartier, dem Nonplusultra der Hippness. Das Länggassquartier ist auch noch nett, tolle Bars. Und so könnte sie weitergehen, die Aufzählung der Quartiere, und am Schluss wären wir in Bümpliz. Auch dort lebt es sich gut, habe ich in Erfahrung gebracht.
Sie sehen aufgrund meiner etwas unmotivierten Aufzählung, dass ich die Berner Quartiersoziologie für völligen Mist halte. Ich behaupte: Die Quartiere unterscheiden sich bei genauerem Hinsehen nicht wirklich. Denn in Sachen Mentalität prallen in der ganzen Stadt Weltoffenheit und verstocktes Kleinbürgertum aufeinander. Nicht nur in der Matte oder in der Altstadt, wenn es um Lärm geht. Sondern auf den Strassen und in den Waschküchen aller Viertel und vor allem in den Köpfen von so manchen Bernerinnen und Bernern.
Das ist nicht weiter schlimm, daran können wir arbeiten. Und darum mein simples Fazit: Bern ist und bleibt mein Lieblingsquartier. Nicht nur wegen Aare, Dialekt und Viel-entspannter-Sein-als-Zürich. Aber auch.
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