Plädoyer
für mehr Gesetzlosigkeit
Als ich kürzlich erfuhr, dass Musikhören beim Velofahren mit einer Busse bestraft wird, war ich schockiert. Nicht darüber, dass man nicht einmal beim Musikhören ausser Reichweite des Gesetzes ist, sondern vielmehr, dass ich jahrelang gegen geltendes Recht verstossen habe. Ohne es zu wissen.
Da zahlt man brav seine Steuern, kauft sich ein Libero-Abonnement, geht nie bei Rot über die Strasse, kurz, gibt sich redlich Mühe, eine rechtschaffene Bürgerin zu sein, und dann das – für eine Tätigkeit, der ich so gut wie täglich nachgehe, gibt es eine Busse. Eine Bestrafung für Fehlverhalten. Den Stempel «straffällig» werde ich nie wieder los. Was werden die spiessigen Nachbarn denken? Was ich mir alles verkniffen habe wegen denen. Boote ohne Wissen der Besitzer «ausleihen», nachts in geschlossene Parkanlagen eindringen, an sogenannten Fanmärschen meinen «Sportsgeist» mit Knallkörpern unter Beweis stellen. All das habe ich unterlassen. Ich wollte ja keine Straftat begehen, nicht als Diebin, Hausfriedensbrecherin oder Hooligan abgestempelt werden. Genützt hat alles nichts.
Nun frage ich mich, wie oft ich – unbewusst, selbstverständlich – gegen das Gesetz verstossen habe. Über welche Weisung habe ich mich hinweggesetzt, als ich den Kofferraum auf dem Nachhauseweg von der Ikea offen liess? Kann man es mir zu Last legen, dass ich damals im öffentlichen Park Blumen pflückte, als am Muttertag einfach kein Geschäft gelbe Tulpen verkaufte? Muss ich mir einen Anwalt suchen für das eine Mal, als ich das Tütchen Ketchup im McDonald’s nicht bezahlte?
Erst jetzt stellt sich heraus, dass ich in meinem Innersten kriminell bin. Dabei hatte ich nicht einmal verbrecherische Absichten. Oder macht es das noch schlimmer? Ich setze mich tagtäglich über das Gesetz hinweg, aber im Gegensatz zu Jesse James oder Robin Hood stehe ich nicht einmal dazu.
Das bereitet mir Sorgen. Ich bin nicht nur eine Gesetzesbrecherin, sondern auch ein Hasenfuss. Das lasse ich nicht auf mir sitzen! Ab heute werde ich für meine Missetaten geradestehen und diese richtiggehend auskosten. Dass ich mich trotz Verbotsschild auf die Treppe im Bahnhof gesetzt habe und seit Monaten ein herrenloses Fahrrad mein Eigen nenne, ist mir ab jetzt wurst. Ich habe – anders als Jessie James – keine kriminellen Absichten, aber offenbar ist es mir nicht möglich, trotzdem ein gesetzestreuer Mensch zu sein. Das muss ich akzeptieren. Wenn ich das nächste Mal herausfinde, dass ich gegen ein Gesetz verstossen habe – egal wie hanebüchen es ist –, werde ich das geniessen. Und es sofort den Nachbarn erzählen.
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