Plädoyer
für das Marzili im Herbst
Endlich ungestört! Wo sonst glänzende Körper in Bikinis und Shorts mit grellen Blumenmustern die Wiese bedecken, liegt nun Laub in matten Herbstfarben. Nur noch eine Schicht Regenwasser dümpelt in den Schwimmbecken, Lichtflecke an die kahlen Betonwände reflektierend. Das Café ist geschlossen, der Auskunftsschalter unbesetzt. Das Freibad Marzili ist dem Besucher im Herbst allein überlassen. Endlich.
Es ist ein Gefühl, als hätte man es endlich gewagt, sich am Abend im Möbelhaus einschliessen zu lassen. Während des ganzen Tages hat man unter den Blicken der Angestellten und anderer Kunden die Sofas und Stühle nur verhalten betrachtet. Nun, zurückgeblieben, entfällt die Befangenheit. Man ist Königin eines Reichs, das sonst von der Menschenmasse regiert wird – so stelle ich mir das jedenfalls vor, ich habe nie im Möbelhaus übernachtet. Doch ins Marzili kann man ganz legal auch im Herbst, wenn das sommerliche Badevolk seine Herrschaft an einsame Spaziergänger abgetreten hat.
Man könnte auf den Liegewiesen jetzt Fussball spielen oder Frisbee, niemanden würde es stören. Aber irgendwie passt das nicht. Eine Partie Tischtennis, vielleicht. Gewinnen kann ohnehin nur der Herbstwind. Selbst die wenigen Wagemutigen, die sich in der kalten Aare treiben lassen, zieren sich nicht wie die Sommergäste, die schreien: «Ist das kalt!» Sie atmen tief ein, halten die Luft an; ihr schweres Schnaufen mischt sich mit dem Fluss- und Windrauschen. Das Marzili im Herbst ist ein stiller, fast schon mystischer Ort.
Wenn inmitten dieses Zaubers plötzlich Fische auf der Wiese schwimmen, ein metallener Mann auf einem Balken balanciert oder ein Rasenstück sich vom Sprungturm stürzt, erstaunt das nicht. Fünf Herbstwochen lang stellt die Fondation «Jetzt Kunst» im Marzili zeitgenössische Skulpturen aus. Fernab musealer Konventionen lässt sich dort, wo sonst vor allem Körperkultur gepflegt wird, zwischen Kunstwerken lustwandeln. Dazu sinniert man über Fragen, die sich die teilnehmenden Künstler gegenseitig gestellt haben: Wem gehört Kunst? Was ist keine Kunst? Braucht Kunst Hinweistafeln? Nicht im Marzili. Hier bedarf nichts und niemand einer Erklärung. Hier ist ein Zuhause, im Sommer, im Herbst, immer.
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