Klartext
zu Bern bei Tag und Nacht
Berner Nachtleben
Das Thema Nachtleben haben wir an dieser Stelle in einer Reihe von Interviews thematisiert. Nach der Tanzdemo «Tanz dich frei», der Gründung der (privaten) Bar- und Clubkommission BuCK hat der Gemeinderat nun zum runden Tisch über das Berner Nachtleben gerufen. Aus diesem Anlass ziehen wir ein Zwischenfazit.
Mehr Freiräume, weniger Reglementierung, mehr Rechtsgleichheit, weniger Willkür, mehr urbanes Lebensgefühl, weniger Kleingeist, mehr Party. Etwa so könnte man die diffuse Wolke der Erwartungen zusammenfassen, welche das Strassenprotestfest «Tanz dich frei» vom 3. Juni nach sich gezogen hat.
Weitere Akteure haben weitere Forderungen: Lärmgeplagte Anwohnerinnen und Anwohner wollen schlafen, Alt-80er sehnen eine neue Kulturrevolution herbei, Parteien von links bis rechts versuchen fieberhaft herauszufinden, wie sich aus der diffusen Unzufriedenheit politisch Profit ziehen lässt. Und die Journalisten brauchen den Stoff für gute Geschichten.
Alle sie (ausser die Medien) haben sich an einem runden Tisch getroffen, zu dem die Stadt Bern eingeladen hat. Was kann man nun von dieser Versammlung erwarten? Im Idealfall entsteht in absehbarer Zeit aufgrund der zusammengetragenen Ideen ein Nachtlebenkonzept, das Verbesserungen erwirken könnte. Auf kantonaler Ebene könnte ein geändertes Gastgewerbegesetz Abhilfe schaffen. Eine neue Handhabung bestehender Gesetze wäre wohl dort angebracht, wo diese bis anhin zu schnell zugunsten der hartnäckigen Anwohnerinnen und Anwohner ausgelegt wurden. Bern könnte sich auch Partyzonen geben, um das Problem einzugrenzen und die Unannehmlichkeiten des Nachtlebens (Lärm, Gewalt, Abfall) effizient zu handhaben.
Es tut sich etwas, und dass nun der Gemeinderat das heikle Dossier anpackt, ist erfreulich. Ironischerweise dürfte indes letztlich genau das Gegenteil des Mottos «Tanz dich frei» resultieren: Durch neue Bestimmungen wird mehr festgeschrieben – das Tanzen ohne Leitplanken ist allen Beteiligten suspekt.
«In Bern fehlt es an freien Räumen», hat letzthin Felicia Kreiselmaier gegenüber der Kulturagenda konstatiert. Sie ist die Initiatorin der «Waschküche», des erfolgreichen neuen Kunstraums im Beaumontquartier. Viel zu viel sei an in dieser Stadt etabliert und festgeschrieben. Wenn Neues entsteht, erhalte es darum Zuspruch, weil es anders ticke als der ganze Rest.
Vielleicht wird etwas gar viel Hoffnung in das ungeborene Nachtlebenkonzept gesteckt. Wenn Bern bei Tag und Nacht eine lebendige Kulturstadt bleiben (oder werden) will, dann kann sie dies nicht nur über Gesetze, Zonen und Konzepte erreichen, sondern ist weiterhin in erster Linie auf die guten Ideen von Menschen angewiesen, die anreissen und verändern wollen.
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