Klartext
über «Die neue Schweizer Welle»
Julian M. Grünthal
Der 31-jährige Julian Grünthal gehört zu den gefragten jungen Regisseuren in der Freien Theaterszene der Schweiz. Von ihm war im Tojo zuletzt «Nicos Love on Stage» zu sehen. Nun inszeniert er zusammen mit Bettina Glaus im selben Theater «Die neue Schweizer Welle – Läbe ohni Dütschi».
Weshalb hat Sie der Text von Cory Looser über die Deutschen in der Schweiz interessiert?
Ich bin als Auftragsregisseur für die Produktion des Spiegeltheaters dazu gekommen. Das Stück hat einen Fokus auf die Deutschen in der Schweiz, aber es geht viel weiter: Es geht um die Angst, die eigene Identität zu verlieren, um Abwehrreaktionen in einer globalisierten Welt, um die Wahl: Mache ich auf, beseitige die Grenzen und nehme die Menschen als Menschen? Oder ziehe ich die Grenzen enger und schliesse alle aus, die mir nicht passen? Die Deutsche-in-der-Schweiz-Diskussion ist nur der Aufhänger und der Ausgangspunkt im Stück. Denn so virulent, wie es breitgetreten wird, ist das Thema gar nicht.
Es ist ja auch schon etwas durchgekaut.
In der Tat. Auf der Bühne wird man sehen: Das Ensemble behandelt das Thema zuerst im Comedy-Stil. Dann fragen sich die Protagonisten: Wollen wir hier so weiterfahren und einen weiteren witzigen Theaterabend veranstalten? Sollten wir uns nicht vielmehr überlegen, was wirklich unsere Ängste und Bedürfnisse sind?
Das Stück geht also tiefer?
Im Endeffekt geht es ums Eingemachte. Wir thematisieren heutige Tendenzen in der Migrationsthematik und wohin das führt, wenn man nicht wachsam bleibt. Das Stück ist Joseph Chiakwa gewidmet, der bei der Zwangsausschaffung im Flughafen Zürich erstickt ist.
Kann Theater die Welt verändern?
Ein kleines Stück.
Woraus schliessen Sie das?
Wir haben das Stück bisher in Zürich und in Luzern gespielt. In Zürich kam ein anderes Publikum als sonst, es kamen Leute, die sonst nie in dieses Theater gehen. Das ist schon mal eine schöne Veränderung im Kleinen. In Luzern waren die Reaktionen des Publikums heftig. Wir zeigen im Stück die Szene einer Zwangsausschaffung, die wir praktisch eins zu eins aus der gängigen Praxis übernommen haben. Vielen Leute wurde erst bewusst, wie nahe diese fast alltägliche Handlung an faschistoiden Praktiken ist – und wie gross der Brocken ist, den man verdrängt. Das ist eine Bewusstseinsveränderung, die zumindest eine kleine Weltverändung bedeutet. Andere fanden, einer, dessen Volk sechs Millionen Juden umgebracht hat, dürfe hier nicht faschistische Tendenzen aufzeigen.
Wie erleben Sie als Deutscher die neue Schweizer Ablehnung gegen die Deutschen?
Ich wurde in den elf Jahren, in denen ich bis jetzt in der Schweiz gearbeitet habe, nie diskriminiert. Das liegt wohl auch an meiner diesbezüglich luxuriösen Situation, dass ich mich in Kreisen der Kulturproduktion bewege. Wir möchten in unserer Produktion dem Klischee widersprechen, die Schweiz sei mononational. In unserem Ensemble hat es Menschen aus vielen Nationen, kein schlechtes Abbild für die Schweiz.
Die Halbwertszeit von politischen Stücken mit Aktualitätsbezug ist kurz. Wie sieht es bei «Die neue Schweizer Welle» aus?
Ich glaube, das Stück bleibt eine ganze Weile aktuell, es wird auch an weiteren Orten aufgeführt werden. Es lässt sich auch in andere Länder adaptieren, etwa nach Deutschland, weil es nicht nur die Schweiz betrifft. Es ist ein grosses, wichtiges Thema, das man nicht verdrängen sollte. Und: Das Stück ist eine ganze Weile lang auch recht lustig!
Interview: Michael Feller
Alle Beiträge lesen





