Klartext
Bern ist keine Kulturhauptstadt!
Zur Person
Christian Pauli ist Co-Leiter der Dampfzentrale Bern und Präsident von bekult. Bekult vertritt rund 70 Kulturveranstalter im Raum Bern. Anlässlich der Eröffnung des Gurtenfestivals am Donnerstag treffen sich bekult-Mitglieder mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Sport zum ersten Gurtengipfel.
Vor zwei Monaten hat die Berner Bevölkerung fünf Mal deutlich Ja gesagt zur Kultur. Ist die Stadt Bern also besonders kulturfreundlich? Leben wir tatsächlich in einer «KulturStadtBern», wie sich das offizielle Label schreibt?
Keine Frage: Bern bietet ein vielfältiges, komplettes und eigenständiges Kulturangebot. Die grossen Sprünge aber liegen selten drin. Es mangelt der Berner Kultur an Pu- blikumspotential, an Marktmacht. Bei 350‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern in der Region Bern ist der mögliche Zuschauerzuspruch ganz einfach begrenzt. Limitiert ist auch die öffentliche Kulturförderung: Die Stadt Bern gibt 34 Millionen Franken pro Jahr für Kultur aus. Dies sind knapp 9 Prozent der Steuereinnahmen – für Bern ein ansehnlicher Betrag. Vergleiche mit Luzern (40 Mio. Franken), Lausanne (45 Mio.) oder gar Zürich (146 Mio.) und Genf (218 Mio.) allerdings machen die beschränkten Dimensionen Berns deutlich.
Weitaus ärgerlicher, weil unnötig, weil veränderbar: Kunst und Kultur sind in Bern keine Selbstverständlichkeit. Ein liberales, weltoffenes Bildungsbürgertum, das sich als Partner und Repräsentant der – auch zeitgenössischen! – Kunst versteht, existiert in Bern in dieser Form nicht. Für Bern als Beamtenstadt ist Kultur nichts, mit dem man sich brüstet, sondern etwas, das bestenfalls dazu gehört. Die hiesige Kulturpolitik hat den lokalpatriotischen Hang zur Zurückhaltung und die Angst vor Grösse verinnerlicht. Die Stadtregierung bemüht sich zwar redlich, den Kulturetat auch in Sparzeiten zu halten. Leider bleibt es bei dieser Verteidigung – von einer kulturpolitischen Offensive nach dem fulminanten, fünffachen Ja am 15. Mai keine Spur.
Der Verein bekult mit seinen fast 70 Mitgliedern macht den Aufbruch vor: Veranstalter und Kulturschaffende rücken zusammen und suchen über ihren Gartenzaun hinweg überraschende Verbindungen. Vernetzung ist das Zauberwort, Bern das ideale Pflaster dafür: Man kennt sich hier persönlich, auch wenn man in ganz anderen Domänen arbeitet. Berns Kulturvielfalt auf engem Raum birgt grosses Potential. Dieses Potential muss aktiver bewirtschaftet werden.
Bekult wünscht sich vom Stadtpräsident und seiner Kultursekretärin mehr Mut und Engagement. Zum Beispiel für diese Idee: Bern muss eine zentrale Vorverkaufsstelle haben. Wie die Touristen im Bahnhof sollen auch die Kulturgäste und -gänger an einem zentralen Ort empfangen und bedient werden. Die grotesk ungenügende Vorverkaufsstelle BernBillet (für Konzert Theater Bern) muss weg. Hier, hinter dem Kornhausplatz, wäre der geeignete Ort: Hier müsste jedes Kulturprogramm und -ticket dieser Stadt erhältlich sein. Hier müsste es einen kräftigen Kaffee geben, gute Zeitungen, schnellen Internetzugang und eine kompetente Bedienung. So käme Berns Kultur zu einem offiziellen Gesicht.
Alle Beiträge lesen





