Gute Nacht?
mit Tom Locher von der Reitschule
Gute Nacht: Tom Locher
Wie weiter mit dem Berner Nachtleben? Tom Locher engagiert sich seit 24 Jahren in der Reitschule. Er nimmt im Interview Stellung zur Verfügung von Regierungsstatthalter Christoph Lerch.
Insbesondere die Auflage, dass die Reitschule ab 0.30 Uhr Leute vom Vorplatz wegweisen müsse, hat für grosse Diskussionen gesorgt – und am vergangenen Wochenende für eine mitternächtliche, friedliche Kundgebung Tausender Reitschüler auf dem Bundesplatz.Die Reitschule-Vollversammlung hat am Sonntag beschlossen, Lerchs Betriebsauflage anzufechten.
Tom Locher, hat die Reitschule am vergangenen Freitag eine neue Verhandlungsebene mittels Party eingeläutet?
Es ist die Geburtsstunde einer neuen Bewegung, die sich kreativ und aktiv für das urbane Nachtleben und konsumzwangfreie Freiräume jenseits der neoliberalen Geranienidylle stark macht. Die Reitschule ist dabei das Bindeglied ziwschen Clubs und Strasse.
Der Gemeinderat hat Regierungsstatthalter Lerch zurückgepfiffen. Reto Nause sagt: Der Vorplatz ist ein öffentlicher Platz, also muss die Reitschule dort niemanden wegweisen. Damit geben Sie sich nicht zufrieden?
Seit es die Verfügung gibt, sagt jeder etwas anderes. Wenn man vom Verfügungstext ausgeht, müssten wir alle wegschicken. In einem Interview sagte Lerch aber, Leute mit eigenem Getränk müssten wir nicht wegschicken – ergo aber die mit Reitschule-Getränken. Gemeinderat Reto Nause findet nun, wir müssten gar niemanden wegschicken.
Die Vorplatzbar ist Lerch ein Dorn im Auge. Wie gehen Sie damit um?
Seit 2008 betreibt die Reitschule eine Aussenbar. Daneben gibt es unregelmässig kleinere Bars, die nicht von der Reitschule betrieben werden, sondern von Menschen, die zum Beispiel woanders von Polizei oder Nachbarn vertrieben wurden. Dank Herrn Nause ist jetzt klar, dass wir für sie nicht zuständig sind, da der Vorplatz ein öffentlicher Platz ist. Man kann uns folglich nicht dafür belangen, wenn dort jemand Lärm macht. Stellt sich also die Frage: Welche der 80 Lärmklagen, für die wir bisher oft juristisch den Kopf hinhalten mussten, betreffen eigentlich wirklich die Reitschule?
Sie lehnen also die Verantwortung für den Vorplatz völlig ab?
Nein, im Gegenteil. Wir fühlen uns zuständig für den Vorplatz und die Sicherheit unserer Gäste. Wir vertreiben Dealer und Diebe und greifen bei Schlägereien ein. Das ist in unserem eigenen Interesse: Wenn wir es nicht tun, machen es die Polizei oder private Sicherheitsfirmen und deren mangelnde Sensibilität würde nur zu neuen Reibereien führen. Bars und Partys von Dritten sind für uns kein Sicherheits- oder Lärmproblem, sondern Teil des gesamtstädtischen Nachtlebenproblems.
Sie sind seit 24 Jahren dabei. Wie hat sich das Verhältnis von Stadt und Reitschule verändert?
Vertragsverhandlungen mit den Behörden waren auch früher immer intensiv, aber nicht so sisyphusmässig wie heute. Früher verhandelten wir mit Stadtverwaltung und Gemeinderat, heute mischen sich alle ein: Teile des Stadtparlaments verweigern wahlkampffiebrig die Kreditsprechung und fordern absurde Massnahmen. Die Polizei betreibt Politik, indem sie die Sicherheitsdebatte völlig unnötig anheizt. Und jetzt auch noch Lerchs Auflagen. Das Absurde: Die zwei Verhandlungspartner Stadtbehörden und Reitschule sind sich eigentlich schon seit Anfang 2011 einig.
Aber es ist doch legitim, dass sich der Regierungsstatthalter einmischt.
Ja, aber leider fehlt ihm die nötige Sensibilität für die realen Verhältnisse und Bedürfnisse. In der aktuellen Vertragsverhandlungsrunde geht es uns darum, alle Vertragswerke – dazu gehört auch die Betriebsbewilligung – sinnvoll und verständlich zu gestalten. Deshalb wurde Lerch zu den Vertragsgesprächen eingeladen. Er war aber nicht interessiert. Jetzt prescht er mit seiner Verfügung vor. Das ist unverständlich.
Für viele Leute bleibt die Reitschule ein rotes Tuch. Ist Ihnen das egal?
Wir stellen den gegenteiligen Trend fest: Spätestens seit der letzten Abstimmung kann man quasi von einer «Müslümisierung» reden: Es kommt nicht mehr die halbe Stadt zu uns, sondern die ganze. Der Vorplatz ist zur Piazza geworden, zur Begegnungs-Allmende. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Berner Nachtleben zu teuer, zu kontrolliert, zu überwacht und zu ausgrenzend geworden ist. Der Vorplatz ist dadurch sowas wie eine Oase in der Wüste der Ordnung geworden.
Interview: Michael Feller
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